Japan sieben Monate nach dem Tsunami – Eindrücke einer außergewöhnlichen Projektreise (Teil 1)

Am 11. März 2011 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben mit der Stärke 9,0 den Nordosten Japans. Ein daraus resultierender Tsunami traf kurz darauf auf die japanische Küste und zerstörte Hafenstädte und Fischerdörfer. Die langfristigen Folgen des GAUs im Atomkraftwerk Fukushima bleiben ungewiss.
Durch die zerstörten Häuser wurden Hunderttausende Japaner und Japanerinnen obdachlos, ein Großteil ist noch immer in Notunterkünften untergebracht. Die japanischen Behörden gehen von ca. 15.000 Todesopfern aus. Help-Nothilfekoordinator Berthold Engelmann reiste Mitte Oktober 2011 nach Japan, um sich ein Bild vom Stand der Help-Projekte in Japan zu machen.


Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft

Schon der Beginn meiner Projektreise nach Japan ist außergewöhnlich, denn zum ersten Mal in 15 Jahren in der Nothilfe habe ich bei einer Reise in ein Katastrophengebiet Anzug, weißes Hemd und Krawatte im Gepäck. Denn mein einwöchiger Aufenthalt in Japan beginnt mit einem Empfang zum 50-jährigen Bestehen der Commerzbank Japan, scheckuebergabe_an_jen die zu diesem Anlass eine Spende über 50.000 € für die Opfer des Tsunamis vom März an Help und unsere japanische Partnerorganisation JEN übergibt. Vertreter der deutschen und japanischen Wirtschaft sind zu dem Empfang im 52. Stock eines Hochhauses in der japanischen Hauptstadt Tokio gekommen. Schnell wird klar, dass der Tsunami und seine Folgen noch immer eines der wichtigsten Gesprächsthemen sind. Wie die Commerzbank haben viele deutsche Firmen, vor allem jene, die Wirtschaftsbeziehungen nach Japan pflegen, sich durch Spenden solidarisch mit den Tsunamiopfern erklärt. Das kommt hier in Japan gut an, denn Zusammenhalt und Solidarität sind wichtige Tugenden in der japanischen Gesellschaft. Alleine für die Projekte von Help und JEN haben deutsche Firmen wie ZF Friedrichshafen, die Audio AG und die Commerzbank 190.000 € gespendet, dazu fast 2 Mio. Euro an Spenden von Privatleuten, dem Hilfswerk der deutschen Lions und NAK karitativ. Wie sehr diese Spenden nötig waren und immer noch sind, erfahre ich in den nächsten Tagen bei meiner Reise in die Katastrophenregion an der Ostküste nördlich von Tokio.

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ins Projektgebiet

Auch die Anreise von Tokio ist für mich außergewöhnlich. Mit U-Bahn, Hochgeschwindigkeitszug und Bus reise ich mit Fumiko, der Projektkoordinatorin unseres Partners JEN, nach Ishinomaki, etwa 430 km nördlich von Tokio. Alles pünktlich auf die Minute, komfortabler und schneller als in Deutschland. Auf Projektreisen in andere Länder bin ich mit Geländewagen und oft abenteuerlichen Kleinflugzeugen unterwegs. Eine Strecke, wie wir sie heute zurücklegen, bedeutet dort oft eine Tagesreise. Jetzt erreichen wir bereits nach 3,5 Stunden Fahrtzeit Ishinomaki, eine Stadt von 150.000 Einwohnern, gelegen in einer Ebene direkt am pazifischen Ozean. Auf dem Weg dorthin dachte ich zwischendurch: Müssen wir diesem Land, das so gut organisiert scheint, das so hoch entwickelt ist, wirklich von außen helfen? Schaffen das die Japaner nicht alleine?

Sechs Tage von der Außenwelt abgeschnitten

hiroyuki_kogure_erzaehlt_von_seinen_erlebnissen Als erstes treffen wir in Ishinomaki Hiroyuki Kogure, 52, heute Mitarbeiter von JEN, früher leitender Angestellter in einer Lebensmittelfabrik. Hiroyuki erzählt mir vom Tag des Tsunamis, als er gerade mit dem Auto von der Mittagspause, die er zuhause mit seiner Frau verbracht hatte, zurück zur Arbeit fahren wollte, die etwa 3 km von seinem Wohnhaus entfernt ist. Er erzählt von dem Moment, als das Erdbeben die Stadt erschütterte, aber zunächst nur einige wenige Gebäude einstürzen ließ. Er war noch im Auto, als er auch schon sah, dass der Wasserstand des Flusses Kitakami, der in Ishinomaki ins Meer mündet, plötzlich massiv sank. Ein erstes Anzeichen für einen Tsunami. Gleichzeitig ertönten auch schon die Sirenen der Tsunami-Warnanlagen und Hiroyuki entschloss sich, umzukehren und seine Frau zuhause abzuholen. Etwa 300 m vor seinem Haus traf er dann auch schon seine Frau Yayoko auf der Straße, nur bepackt mit einer Decke, da die Temperaturen um den Gefrierpunkt lagen. Hiroyuki wollte sie zunächst überreden, doch noch gemeinsam zum Haus zurückzukehren, um wenigstens einige Wertsachen und wichtige Erinnerungen ins Auto zu packen. Sie bestand jedoch darauf, so schnell wie möglich auf ein höher gelegenes Gebiet zu fahren, was schwierig genug wurde, da die Straßen inzwischen mit Flüchtenden völlig verstopft waren. Es gelang den beiden, kurz vor Eintreffen der Welle, auf einen etwa 35 Meter hoch gelegenen Parkplatz zu gelangen, wo sich inzwischen 150 Menschen mit ihren Autos eingefunden hatten. Sechs Tage sollten sie von nun an auf diesem Parkplatz verbringen, unter ihnen die völlig zerstörte Stadt, ein einziges Trümmerfeld, das Wasser stand tagelang in den Straßen, der Parkplatz von der Außenwelt abgeschlossen. Gemeinsam mit den anderen Flüchtlingen fanden sie an einer Quelle in der Nähe wenigstens Trinkwasser. Zum Wärmen benutzten sie bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ihre Autoheizungen wenigstens stundenweise. Nahrung fanden sie in einer Fischrogenfabrik auf dem Gelände: 6 Tage Fischroggensuppe war das einzige, was sie zu sich nehmen konnten.

Sorge um die Kinder

„Am schlimmsten war jedoch die Ungewissheit, was mit unseren Kindern passiert ist“, erzählt Hiroyuki. Der 25-jährige Sohn arbeitete zur Zeit des Tsunamis in einem Einkaufszentrum in der Nähe, die 27-jährige Tochter in Sendai als Büroangestellte. „Sechs Tage wussten wir nicht, ob unsere Kinder überlebt hatten, und sie wussten nicht, wie es uns ging.“ Die Straßen in der Umgebung waren komplett zerstört und der Mobilfunk funktionierte nicht. „Gottseidank gelang es uns nach sechs Tagen zur ebenfalls teilweise zerstörten Wohnung unseres Sohnes zu gelangen, der wohlauf war, und auch unsere Tochter hatte die Katastrophe unverletzt überstanden. Doch zwanzig unserer Nachbarn wurden getötet, weil sie nicht rechtzeitig fliehen konnten“, erzählt Hiroyuki mit Tränen in den Augen. Diese Tränen der Erinnerung an die Ereignisse des 11. März werde ich in den nächsten Tagen noch oft bei meinen Gesprächen sehen.

hiroyuki_kogure_in_seinem_haus_in_ishinomaki Später zeigt uns Hiroyuki sein im Erdgeschoss völlig zerstörtes Haus, das Fundament wurde unterspült, so dass es wohl abgerissen werden muss. Die Uhr im Wohnzimmer ist um 15:55, der Zeitpunkt, als der Tsunami auf die Küste traf, stehen geblieben. Auch die Siedlung um das Haus ein Trümmerfeld, Dutzende von Abrissbaggern sind unterwegs und beseitigen noch immer die Reste von Häusern und Fabriken. Am Rande des Geländes die aufgeschichteten Trümmer, zum Teil 30 Meter hohe und mehrere hundert Meter lange Berge aus Schutt. Diese Schuttberge verändern an der ganzen Küste die Landschaft. Auch die Fabrik, in der Hiroyuki arbeitete, wurde zerstört, 200 Angestellte verloren ihre Arbeit, wie 70.000 weitere Menschen alleine in der am schlimmsten betroffenen Präfektur Miyagi.

Wiederaufbau noch nicht möglich

Ich verstehe nun, warum an den Beginn des Wiederaufbaus noch immer nicht zu denken ist. Sieben Monate nach dem Tsunami sind die Trümmer noch immer nicht vollständig beseitigt: 150 km Küste waren betroffen, 470 meterhoch_tuermen_sich_die_schuttberge Quadratkilometer Land überspült, über 115.000 Gebäude stürzten vollkommen sowie weitere etwa 160.000 teilweise ein. Über eine weitere halbe Million Häuser wurden teilweise beschädigt. Mehr als 15.000 Menschen verloren ihr Leben. Ohne das gut funktionierende japanische Frühwarnsystem wären es hunderttausende Tote gewesen. Die Dimensionen dieser Katastrophe sind unbeschreiblich und werden auch erst greifbar, wenn man die Region besucht.

Hier geht’s weiter zum zweiten Teil

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