Die alte Frau und die Flut

Als wir uns heute früh gegen sechs Uhr von Islamabad aufmachten, wusste ich nicht so genau, was mich erwarten würde.
Natürlich hatte ich bisher die vielen Berichte im Fernsehen gesehen und die in den Zeitungen gelesen, Radio gehört und mit den Kollegen von CARE gesprochen. Das ganze Wochenende über hatte ich UN-Leute getroffen, Kollegen von anderen… Hilfsorganisationen befragt und zugehört.

Über den Highway Nr. 1 geht es Richtung Nordwesten. Der Highway ist in drei Teile unterteilt, im Ganzen führt er quer durchs halbe Land von Lahore im Süden über die Hauptstadt bis nach Peschawar im Nordwesten. Rechts und links erstrecken sich Felder, Männer und Frauen arbeiten bereits dort. Scheint alles irgendwie normal, keine Fluten, nirgendwo viel Wasser zu sehen – bis nach etwa 55 Kilometern der Indus auftaucht. Aggressiv, mächtig, furchterregend hat er sich auf beiden Flussseiten breit gemacht. Wir überqueren ihn, und plötzlich ist er im Nebel verschwunden, als wolle er sich verstecken. Aber das ist es, das Ungeheuer, das Menschenleben gekostet und Millionen um ihr Hab und Gut gebracht hat. Und wieder einmal traf es diejenigen, die eh nur von der Hand in den Mund leben.

Das Wasser hat fast alles gestohlen

Nach der Brücke und diesem unangenehmen Nebel, vielleicht 40, 50 Kilometer weiter: Immer wieder Zelte. Sie stehen in Feldern, am Straßenrand. Irgendwo haben die Menschen sie aufgestellt, wo gerade Platz war – und kein Wasser. Dort leben sie jetzt, die ihre Häuser verloren haben. Menschen, denen die Wucht der Fluten vor knapp zwei Wochen vielleicht fast das Leben gekostet hätte. Noch einmal 30 Kilometer weiter als die Zelte, die wir gerade erst gesehen hatten. Wir sind im der Gemeinde Zareenabad. Zu ihr gehören zwei Schwestergemeinden: Gharebabad und Nawan Kili. Das sind für mich unaussprechliche Namen, sooft ich es auch versuche. Zusammen leben hier etwa 26.000 Menschen.

Ganz in der Nähe wohnt Nambarj. Sie ist 56 und Witwe. Das kleine Dorf, in dem sie ihr Haus verloren hat, heißt Nisatar. „Sehen Sie hier, das Haus. Es ist einfach nicht mehr da“, sagt sie. CARE hat ihr ein Zelt in den Hof gestellt.

Die 56jährige Witwe Nambari hat in den Fluten alles verloren, auch ihr Haus. CARE gab ihr ein Zelt, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen muss. (Foto: CARE/ Mahmood)

Die 56jährige Witwe Nambari hat in den Fluten alles verloren, auch ihr Haus. CARE gab ihr ein Zelt, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen muss. (Foto: CARE/ Mahmood)

Als die Flut kam, sprang das Wasser über zwei Meter hoch über ihr Haus hinweg. Was ihr geblieben ist? „Sehen Sie,“ sie zeigt die alte Küche, die aus festerem Gemäuer gebaut worden war auf ein Regal. „Da oben, da sind noch zwei Geräte. Das andere hat sich das Wasser einfach gestohlen.“ Ihr Sohn schlägt sich als Tagelöhner in Mardan durch. Jeden Tag neu anfangen, jeden Tag das Werk zu Ende bringen. Jetzt hat er geheiratet und Mühe, für seine eigene Familie zu sorgen.

Ungeheure Bilder, unglaubliche Armut

CARE verspricht der Frau, ihr in den nächsten Tagen Küchenutensilien zu bringen. Wenn alles verloren ist, machen kleine Dinge einen großen Unterschied. Hier arbeitet auch die Organisation CRDO (Community Research and Development Organisation). Imran Inam von der CRDO ringt mir Respekt ab. Die Art, wie er mich begleitet und nicht nur übersetzt, beeindruckt mich. Er geht auf jede kleine Bemerkung der Menschen ein, übrigens auch auf jede von mir. CRDO ist eine der lokalen Partnerorganisationen von CARE in Pakistan und verteilt Hilfsgüter.

Ich kann mir Armut vorstellen. In vielen Ländern, in denen ich war, ist sie eine Realität. Was ich aber jetzt gesehen habe, macht mich fassungslos. Nicht nur die Lage, in der sich die Witwe befindet. Auch die des alten Mann, der uns sagt: „Ich habe keine Schuhe mehr.“ Er lebt mit seinen Kindern und Enkeln in einem Zelt auf dem Grundstück des Sohnes. „Morgen bekommt er Schuhe,“ sagt Imran zu mir, als ich ihn frage. „Wir haben eine Ladung bekommen. Er bekommt sie morgen.“ Die Menschen hier im Nordwesten des Landes sind ohnehin arm. Ärmer als in anderen Regionen Pakistans.

Gibt es Zahid auch in den reichen Ländern?

Der kleine Zahid ist krank und braucht dringend medizinische Hilfe. Doch seine Mutter hat noch nicht einmal das Geld, um ihn mit dem Bus ins Krankenhaus zu fahren. (Foto: CARE/ Schwarz)

Der kleine Zahid ist krank und braucht dringend medizinische Hilfe. Doch seine Mutter hat noch nicht einmal das Geld, um ihn mit dem Bus ins Krankenhaus zu fahren. (Foto: CARE/ Schwarz)

Aber die Situation dieses kleinen Jungen, der da auf dem Lehmboden eines leeren, einfachen Hauses liegt, schockt mich. Als wir gerade zum nächsten Treffpunkt fahren wollen, werden wir gestoppt.  „Bitte, kommen Sie in mein Haus, bitte!“ Zahid ist gerade vier Jahre alt. Husten und Temperatur haben ihn so erschöpft, dass er schläft. Es ist halb vier am Nachmittag. Die Mutter weint, als sie nicht nur mich, sondern auch die anderen Helfer kommen sieht. Zwei Brüder hocken neben ihm, wie paralysiert.

Die Mutter hat kein Geld für den Transport ihres Sohnes Zahid zum nächsten Krankenhaus. Schon gar nicht hat sie genug, um die notwendige Medizin zu bezahlen. Jemand steckt ihr Geld zu, zumindest für den Transport. Wie es weitergeht mit ihm? „Weißt Du, Thomas,“ sagt mein CARE-Kollege Mujahid, „es gibt sehr viele solcher Fälle in dieser Gegend.“ Und ergänzt: „Wir werden eine Lösung finden.“

Ich finde es beschämend, wie wir mit einer der größten Unwetterkatastrophen seit Jahrzehnten umgehen. Gleichzeitig bemühe ich mich, nicht ungerecht zu werden. Auch bei uns zuhause, in den reichen Ländern, gibt es Armut. Aber Zahid? Gibt es den auch in England oder Holland, Deutschland oder Frankreich? Ich bin mir unsicher.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben