Archiv für die Kategorie 'Indonesien'

Tagebuch aus Indonesien

Martin Kunstmann ist Mitarbeiter der ASB-Auslandshilfe. Er tauscht für zwei Jahre seinen Schreibtisch in der Bundesgeschäftsstelle in Köln mit einem Platz im indonesischen Länderbüro in Yogyakarta. Dort wird er die ASB-Projekte betreuen und als Programm-Manager für die Bereiche Finanzen, Verwaltung und Programmentwicklung verantwortlich sein.

Mittwoch, 08.07.09

Frau bei der Stimmenabgabe Heute sind Präsidentschaftswahlen in Indonesien, was mir einen unverhofften Feiertag verschafft hat. Das Interesse der Bevölkerung an den Wahlen scheint allerdings nicht das größte zu sein, zumindest wenn man das aus dem doch sehr zurückhaltenden Wahlkampf schließen kann. So waren in den Straßen von Yogyakarta zwar Plakate mit den Konterfeis der Kandidaten zu sehen und es gab mehrere Fernsehdebatten der Kandidaten und ihrer Vize, doch lief alles recht sachlich und zurückhaltend ab. Vielleicht liegt dies aber auch daran, dass alle Umfragen den Amtsinhaber Susilo Bambang Yudhoyono (SBY) weit vor den beiden anderen Kandidaten, der früheren Präsidentin Megawati und dem bisherigen Vizepräsidenten Jusuf Kalla, sehen.

Amtsinhaber Susilo Bambang Yudhoyono Bereits bei den Parlamentswahlen im April war SBYs „Partai Demokrat“ (PD) klarer Wahlsieger, der den Stimmanteil fast verdreifachen konnte. Hierbei ist allerdings festzuhalten, dass die Parteienlandschaft in Indonesien recht zersplittert ist und die PD als stärkste Partei gerade einmal 20,8 Prozent der Stimmen erhielt.

Auf jeden Fall scheinen die Umfragen recht zu behalten, da die ersten Hochrechnungen SBY bei über 60 Prozent sehen, was einen zweiten Wahlgang ersparen würde. Gründe für die Popularität SBYs sind die relativ stabile politische und wirtschaftliche Situation in Indonesien, sowie die Erfolge im Kampf gegen den islamistischen Terror. So gelang es nach den Anschlägen auf Bali 2002 und 2005 durch eine Reihe von Festnahmen, die Strukturen der Terrororganisation Jemaah Islamiya entscheidend zu schwächen, so dass es in Indonesien in den vergangenen vier Jahren zu keinen neuen Anschlägen kam.

Freitag, 17.07.09

Da habe ich gerade vor wenigen Tagen erst geschrieben, dass es infolge der erfolgreichen Politik der Terrorbekämpfung seit vier Jahren in Indonesien zu keinen terroristischen Anschlägen mehr gekommen ist, und schon belehrt mich die Realität eines Besseren. Hab heute Morgen mit Schrecken dem Internet entnommen, dass in den Luxushotels Ritz Carlton und Mariott in Jakarta Sprengsätze explodiert sind, wobei wohl neun Menschen ums Leben gekommen sind und mehr 40 verletzt wurden. Scheinbar handelt es sich bei den Attentätern um Splittergruppen aus dem Umfeld der Jemaah Islamiya, wobei das zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch nicht klar feststeht. Ob sich hieraus allerdings ein Wiedererstarken des islamistisch motivierten Terrorismus in Indonesien ableiten lässt, wage ich zumindest zum jetzigen Zeitpunkt zu bezweifeln.

Montag, 10.08.09

Feierliche Eröffnung des Warung Heute wurde feierlich der „Warung“ eingeweiht, der im Rahmen unseres Programm zur Verbesserung der Einkommenssituation in ländlichen Gemeinden im Dorf Nawung errichtet wurde. Ein „Warung“ ist ein einfaches Restaurant oder Geschäft, kann aber auch als „warung telepon“ einen einfachen Telefonshop bezeichnen, oder als „warnet“ (von warung internet) ein Internetcafé. Der Warung in Nawung dient mehreren vom ASB geförderten Kooperativen als „Showroom“ für die von ihnen produzierten Produkte. Dies sind beispielsweise Steinmetzarbeiten, Kräutermedizin oder aber Snacks wie Bananenchips. Zur Eröffnungsfeier war das gesamte Dorf versammelt und es hatte sich erfreulicherweise auch eine große Zahl von Vertretern lokaler und regionaler Verwaltungsorgane, Medien und Nichtregierungsorganisationen eingefunden.

Zunächst fand eine kleine Prozession vom Warung zum Ort der Feierlichkeiten statt und in der Folge hielten die Repräsentanten der verschiedenen Organisationen und Organe Reden, in denen allen beteiligten Akteuren gedankt wurde. Allen beteiligten Akteuren wurde bei der Eröffnung des Warung gedankt. Dies ist übrigens eine typisch javanische Sitte, da hier eine Feier auch nur dann eine richtige Feier ist, wenn eine möglichst große Zahl von Reden gehalten wird. Und falls sich kein neuer Redner mehr findet, wird solange aufgefordert, bis sich doch noch jemand findet, der ein paar warme Worte an die übrigen Gäste richtet.

Selbstverständlich unterscheiden sich die einzelnen Reden inhaltlich nur marginal, aber darauf kommt es auch nicht an. Im Anschluss wurde zu traditioneller Musik ein Imbiss gereicht und es blieb Zeit, sich mit den verschiedenen Gaesten auszutauschen.

Neben der Förderung lokaler Kooperativen und deren Vernetzung mit potentiellen Abnehmern unterstützt der ASB in Nawung auch die Entwicklung eines umweltverträglichen ländlichen Tourismus. Das Dorf ist wunderschön in den Bergen gelegen und in einer knappen Stunde von Yogyakarta zu erreichen. Dort bieten sich hervorragende Möglichkeiten zum Wandern oder Mountainbiken. Gleichzeitig wird potentiellen Touristen die Möglichkeit eröffnet, die Kooperativen zu besuchen, und sich die Herstellung traditioneller Produkte anzuschauen.

Montag, 17.08.09

Indonesische Flagge Heute ist Unabhängigkeitstag, und schon seit Tagen ist die ganze Stadt in den Landesfarben dekoriert. Auch wir haben eine rot-weiße Fahne vor dem Haus hängen, was uns umso besser gefällt, da „rut-wiess“ ja auch die Farben unserer kölschen Heimat sind. Überhaupt ist der Unabhängigkeitstag ein riesiges Ereignis in Indonesien, welches vor allem in den „Kampungs“, also den traditionellen Wohnvierteln, über mehrere Tage gebührend gefeiert wird. So finden in jedem Dorf oder Stadtviertel in den Tagen vor dem eigentlichen Unabhängigkeitstag verschiedenste Aktivitäten statt, wie beispielsweise gemeinsamer Frühsport, verschiedene Wettkämpfe für die Kinder und gemeinsames Essen aller Bewohner.

Ein besonders schöner Brauch ist das „Panjat Pinang“ – eine Art indonesische Variante des Maibaumkletterns. Teams von jeweils sechs Männern versuchen gemeinsam. einen circa 15 Meter hohen eingeölten Baumstamm zu erklimmen, an dessen oberen Ende ein Kranz mit Geschenkgutscheinen angebracht ist. Hierbei klettert jeweils ein Teilnehmer auf die Schultern seines Teamkollegen, bis schließlich alle sechs Männer aufeinander stehen. Halt bekommen sie dadurch, dass sie den Baum mit den Armen umklammern. Der oberste Teilnehmer versucht dann alleine, die letzten Meter bis zur Spitze zu klettern. Erschwerend kommt hinzu, dass auf der Spitze des Baumstamms ein kleines Ölkännchen befestigt ist, so dass bei starkem Schwanken des Baums neues Öl den Stamm herabläuft.

Wir konnten diesem Spektakel bei Freunden in dem kleinen etwas außerhalb von Yogyakarta gelegenen Künstlerdorf Kasongan beiwohnen. Das ganze Dorf war am Ort des Geschehens versammelt und es war für alle eine Mordsgaudi zu sehen, wie die Teams den glatten Stamm herunterrutschten. Schadenfreude ist halt ein weltweites Phänomen.

Tagebuch aus Indonesien

Martin Kunstmann ist Mitarbeiter der ASB-Auslandshilfe. Er tauscht für zwei Jahre seinen Schreibtisch in der Bundesgeschäftsstelle in Köln mit einem Platz im indonesischen Länderbüro in Yogyakarta. Dort wird er die ASB-Projekte betreuen und als Programm-Manager für die Bereiche Finanzen, Verwaltung und Programmentwicklung verantwortlich sein.

Sonntag, 21.06.09

Endlich ging es los, die Zeit des Wartens auf die Abreise nach Indonesien hatte sich schon ziemlich in die Länge gezogen. Der erste Zwischenstopp auf meiner Reise nach Indonesien war Bombay. Nach einem kurzen Aufenthalt ging es am späten Nachmittag dann weiter über Kuala Lumpur nach Karte von Indonesien Yogyakarta. Dort mussten alle Fluggäste nach der Ankunft zunächst einmal durch eine Desinfektionsschleuse. In Asien ist derzeit die Schweinegrippe ein großes Thema und jedes Land hat sich scheinbar ein ganzes Arsenal an Vorkehrungen ausgedacht, um dieses Übel aufzuhalten. So galt es an den Flughäfen von Bombay und Kuala Lumpur auch schon Formulare auszufüllen und mittels festen Blicks den anwesenden Ärzten zu signalisieren, dass man über einen völlig intakten Gesundheitszustand verfügt.

Montag 22.06.09

Erster Arbeitstag im Büro. Das ASB-Büro liegt im nördlichen Stadteil Codong Catur. Derzeit laufen in Indonesien drei ASB-Projekte. Schwerpunkt der Arbeit ist die Entwicklung von Arbeitsmaterialien sowie die Ausbildung von Lehrern, um Schülern das richtiges Verhalten im Falle von Naturkatastrophen beizubringen. Indonesien ist weltweit eines der am häufigsten von Naturkatastrophen betroffenen Länder. So wurden weite Teile Zentraljavas 2006 von einem gewaltigen Erdbeben verwüstet und über Yogyakarta thront mit dem fast 3.000 Meter hohen Merapi einer der aktivsten Vulkane Indonesiens.

Ein weiteres wichtiges Augenmerk bei der Projektarbeit gilt Menschen mit Behinderungen. So hat der ASB spezielle Materialien entwickelt, die dazu dienen, Schulkinder mit Behinderungen in richtigem Verhalten im Katastrophenfall zu trainieren. Außerdem werden Rampen gebaut, die den Zugang zu den Schulen für Kinder im Rollstuhl erleichtern sollen. Ein weiterer Schwerpunkt der Projekte ist die Verbesserung der Einkommenssituation in drei ländlichen Gemeinden in Zentraljava.

Freitag, 26.06.2009

Endlich Wochenende! Meine erste Arbeitswoche in Indonesien war wirklich enorm anstrengend. Nachdem ich Montag die Gelegenheit hatte, das Büro und die sehr netten Arbeitskollegen kurz kennenzulernen, musste ich am Dienstag gleich dienstlich nach Jakarta fliegen, wo ich einen Termin bei der EU-Delegation hatte. Ich kann wirklich keine Flugzeuge oder Flughäfen mehr sehen! Das Zentrum von Jakarta erinnert mit seinen Wolkenkratzern und glitzernden Shopping Malls an Metropolen wie Singapur oder Kuala Lumpur. Die Delegation der EU befindet sich mitten im Stadtzentrum an der Plaza Indonesia und ist auf zwei Etagen eines solchen Wolkenkratzers untergebracht. Ich traf dort die für die ASB-Projekte zuständigen Personen in der EU-Delegation und konnte einige wichtige Fragen klären.

Sonntag, 28.06.09

Ich habe den festen Vorsatz, am Wochenende endlich auch ein wenig meine neue Heimat Yogyakarta zu erkunden. Der erste Eindruck von Yogyakarta – oder auch kurz Yogya genannt- ist wirklich klasse! Eine überschaubare „kleine Großstadt” mit netten Restaurants und einer Menge kultureller Sehenswürdigkeiten. Im Zentrum verläuft von Norden nach Süden eine geschäftige Hauptstraße, die Jl. Sultanspalast Malioboro. Sie läuft auf den Sultanspalast „Kraton” zu. Entlang der Jl. Malioboro findet sich eine spannende Mischung aus Straßenhändlern, Garküchen, aber auch Shopping Malls und Hotels. Der Mitte des 18. Jahrhunderts erbaute Sultanspalast ist wie eine kleine Stadt innerhalb der Stadt. Neben den Gemächern des Sultans und seines Hofstaates finden sich dort unter anderem ein Museum, eine Vielzahl von Batikläden und vieles mehr. In unmittelbarer Nähe des Sultanspalastes findet sich auch der Vogelmarkt, ein quirliger Markt mit einer Vielzahl von Verkaufsständen, die neben diversen Vogelarten auch Fische, Eidechsen und andere Kleintiere zum Verkauf anbieten.

Samstag, 04.07.09

Endlich im eigenen Heim! Meine Kollegin ist auf der Rückreise nach Deutschland und ich habe deshalb heute ihr Haus bezogen. Ich bin wirklich froh, endlich eine eigene Bleibe zu haben – das Hotel war zwar sehr schön, aber auf Dauer ist das nichts. Ich genieße erst einmal mein Frühstück auf der Terrasse, mit Blick auf den kleinen Garten. Meine einzigen Mitbewohner sind bislang die Eidechsen und Schmetterlinge, die sich hier überall tummeln. Eine kleine Eidechse scheint wohl in der halb offenen Küche zu wohnen. Wahrscheinlich sogar hinter dem Kühlschrank. Hab sie aber auch schon im Toaster erwischt.

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