Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti, Léogâne: Tagebuch eines Alptraums

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und hält seine Eindrücke fest.

20. Januar: Kein Strom mehr, Internet über Satellit funktioniert auch nicht mehr. Ich verbringe den Morgen im Haus der Rettungssanitäter und übertrage dort meine Fotos. Mit Falina. Sie ist etwa zehn Jahre alt, schwer behindert und aufgrund einer Darmkrankheit kurz vor dem Verhungern. Sie versucht, meine Zigaretten zu essen, aber ich kann sie gerade noch davon abhalten. Sie lacht. In diesem Haus sind 18 Menschen, darunter viele Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Falina hat eine gute Zeit. Die Rettungssanitäter haben sie in einem provisorischen Flüchtlingscamp gefunden, ihre Mutter konnte sich nicht um sie kümmern, also haben sie sie in ihre Obhut genommen.

Das ganze Sanitäterteam ist gerade draußen im Einsatz, nur Falina und ich sind hier. Sie wiegt vielleicht 30 Kilo, buchstäblich Haut und Knochen. Ich bin ihr bislang aus dem Weg gegangen – ihr Lächeln ist ansteckend, aber ich muss meiner Arbeit nachgehen. Keine Zeit, um mich ihrem Zauber hinzugeben. Aber ich bin der einzige hier, also verbringen Falina und ich etwas Zeit zusammen. Wir schneiden Grimassen. Dann löst mich eine obdachlose Frau ab, die hier wohnt. Ich fahre in die Stadt um einen Hungeraufstand festzuhalten.

21. Januar: Wir haben einen neuen Fahrer gefunden und haben den alten in den Wind geschossen. Im Privelege Hotel können wir nicht mehr bleiben, weil die Preise in die Höhe geschnellt sind und wir es uns nicht leisten können. Gregor schaut sich nach einer Bleibe um und wir schlafen auf dem Boden eines leerstehenden Hauses von bulgarischen Auswanderern. Gregor macht seine Sache wirklich gut, er ist geübt darin, weil er die letzten dreieinhalb Jahre in Afrika gearbeitet hat. Er versteht ziemlich viel von Logistik (Unterkunft, Fahrzeuge etc.) und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen HELP und einem Team von französischen Rettungssanitätern, die in einem kleinen, überfüllten Krankenhaus in der Nähe von uns tätig sind.

25. Januar: Ich fotografiere, bearbeite die Bilder, lade sie hoch. So gut wie es eben geht. Ständig bin ich auf der Suche nach Strom und einem Platz, an dem ich mich ein paar Minuten hinsetzen kann. Mein Budget ist nicht groß, also ist das Holiday Inn mit seinen 1000 Dollar pro Nacht keine Option für mich. Die großen TV Sender haben die meisten Hotels in der Stadt ausgebucht.

 "We need help here!"
Mit arche noVa fahre ich nach Léogâne.
Die Gegend ist verwüstet. arche bringt Ärzte und eine dringend benötigte Wasseraufbereitungsanlage. Wir kämpfen uns durch den Verkehr und fahren in Richtung Küste. Vor dem Beben war Léogâne eine Art Badeort, jetzt sind sämtliche Gebäude eingestürzt; die Überlebenden sind verletzt und der Schock sitzt tief.

Another day in paradise.

Bilder: ©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und hält seine Eindrücke fest.

16. Januar 8 Uhr: Wir sind im „Privelege Hotel“. Gregor und Janina von HELP haben gestern Abend die Einheimischen Patrick und Casimir kennengelernt. Sie haben einen großen Ford Van und organisieren uns Zimmer im einzigen geöffneten Hotel in der Stadt. Wir machen uns auf den Weg, um uns ein Bild von der Situation in Port-au-Prince zu machen. Das machen wir in einem „Tap-Tap“, eines dieser bunt bemalten Pickup-Taxis.

Menschen schützen sich vor Verwesungsgeruch.
12 Uhr: Mittag in Port-au-Prince. Wir haben uns durch Cité Soleil, das Elendsviertel in Port-au-Prince, gekämpft und fahren jetzt in die Innenstadt. Es sieht aus, als hätte hier eine Atombombe eingeschlagen. Sämtliche Gebäude sind eingestürzt. Seit vier Tagen liegen tote Körper in der Hitze auf den Straßen.

Wir denken kurz nach. Essen, Wasser, Benzin und Strom sind knapp. Auf einem Hügel geht uns das Benzin unseres Vans aus. Durch einen Freund in New York lernen wir eine Gruppe von Auswanderern kennen. Sie haben sich zu einer kleinen Grassroot Hilfsorganisation zusammengefunden: Rescue Team Haiti. Sie bringen verletzte Kinder in ein provisorisches Krankenhaus. Wir begleiten sie.
Gregor, ausgebildeter Arzt, versteht sich auf Anhieb gut mit Gregoire, Rettungssanitäter von Pompiers d’Urgence International, und sie organisieren den Transport von dringend gebrauchten medizinischen Hilfsgütern für HELP, die Organisation für die Gregor im Einatz ist.

Die nächsten drei Tage sind ein Kampf ums Überleben im Chaos. Wir sind damit beschäftigt, Essen und Wasser aufzutreiben, irgendwo unterzukommen und Kontakt mit unseren Organisationen zu halten. Auf Strom kann man sich  nicht verlassen, kein facebook, kein Starbucks. Mein Job ist es, das alles festzuhalten und das mache ich. Inmitten von Aufständen hungriger Menschen, aufgedunsenen Körpern und Entsetzen.

Als ich mich durch die Stadt kämpfe, beobachte ich Gruppen bewaffneter Männer, die nach Geld suchen und sehe den toten Körper eines Babys in einem Trümmerhaufen. Ich fotografiere es, obwohl ich ganz genau weiß, dass wir dieses Foto nie verwenden werden. Für einen kurzen Moment denke ich an meine eigenen Kinder, dann schalte ich diesen Teil von mir wieder ab. Ich bin hier, um zu fotografieren. Das ist das Einzige, was ich kann.

Der Geruch von toten Körpern – ein Geruch, den man nie wieder vergisst – durchdringt die Luft: abscheulich süß. Um nicht erbrechen zu müssen, versuche ich, meinen Geruchssinn abzustellen. Ich höre Heulen, Entsetzen unter Menschen. Ich mache den Ton aus.

Mit dem Auto irgendwo hinzukommen, ist unmöglich – die Preise sind in die Höhe geschossen und Benzin wird immer knapper – ein Liter kostet 10USD. Sicherheit ist ein Problem, aber die meisten bewaffneten Gruppen plündern vor allem in der Innenstadt. Wir gehen ihnen aus dem Weg und schlagen uns mit vergleichsweise banalen Problemen herum, wie die tägliche Feilscherei mit unserem Dolmetscher und Fahrer darüber, wie viel Benzin wir am letzten Tag verbraucht haben.

Das Leben in Port-au-Prince ist ein wahrer Alptraum. Keine Zeit um innezuhalten oder um das Ganze irgendwie zu verarbeiten.

Wir fahren zum Krankenhaus, transportieren Verletzte und versuchen, mehr medizinische Hilfsgüter aufzutreiben. Gregor erwartet ein Ärzteteam, das heute aus der Dominikanischen Republik bei uns eintreffen soll. Es sieht so aus, als hätte er eine Unterkunft für sie gefunden. Jetzt muss er noch die Medical Kits ausfindig machen, die irgendwo sind, oder auch nicht. Ich werde am Montag noch die Ankunft eines Hilfsfliegers fotografieren, versuche über Europa die genaue Zeit herauszufinden.

©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti: Tagebuch eines Alptraums

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und dokumentiert seine Eindrücke.

Am 23. Dezember bin ich in Potsdam angekommen – also eigentlich in Babelsberg, habe es gerade noch zum 11. Geburtstag meiner Tochter geschafft. Seitdem habe ich nur noch gegessen, getrunken und geschlafen. Ich bin gerade nach einem zweiwöchigen Trip aus Mogadishu zurückgekommen, um den Weihnachtsmann zu treffen, den Zauber in den Augen meiner Kinder zu sehen und wieder etwas Zeit mit meiner Frau zu verbringen, die so tapfer durchhält während ihr Mann unterwegs ist und eine Familie zusammenhält, bei der in der Regel einer fehlt.

Tim Freccia am Flughafen
Dieses Jahr sind wir etwas knapp bei Kasse – meine Kinder bekommen zu Weihnachten weniger als in den Jahren zuvor. Ein iPod für meine Tochter und eine Kamera für meinen Sohn. Mein Sohn ist sieben – in seinen Augen kann ich den Stolz sehen, als er sein Geschenk auspackt. Er sagt mir, dass er Fotojournalist werden möchte, wenn er groß ist. Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, dass mir die Bilder von toten Menschen nicht aus dem Kopf gehen.

13. Januar: Ich habe schon ziemlich lange frei. Mein Leidensgenosse und Fotokamerad Dominic sagt: „Ich zähle die Tage, der Countdown läuft…“ Nächste Woche muss ich auch wieder nach Mogadishu. An diesen Gedanken versuche ich mich langsam zu gewöhnen.

6.30 Uhr: Ich kann nicht schlafen. Seit Tagen schon. Seit Jahren.

Dominic schreibt mir über Skype: „Hey, wie komm ich nach Haiti?“ Ich frage ihn: „Was willst du in Haiti?“ Darauf er: „Guck ins Internet!“

Am Flughafen
14. Januar: Tegel, Orly, Santo Domingo. Eine einzige Ansammlung verschiedenster Hilfsorganisationen. Westen mit Logos, Männer mit Dreitagebart in Cargohosen und Frauen mit Zöpfen und großen Halstüchern. Je größer das Tuch, umso länger werden sie wohl im Feld bleiben. Wir nicken uns zu; alle fliegen wir in dieselbe Richtung.

Santo Domingo, 14. Januar, 22 Uhr: Ich sollte mir ein Zimmer im Clarion Hotel nehmen. Nichts mehr frei. Der Hotelier ruft einen Freund an und ich lande in einer anderen Absteige. Gut genug – ich bin jetzt müde.

Ich bekomme drei Stunden Schlaf, meine Kollegen von Aktion Deutschland Hilft kommen um 1 Uhr an. Wir lernen uns kurz kennen, dann legen wir uns nochmal für vier Stunden hin. Wir sind jetzt auf Notfall getaktet.

Verwüstete Straßen
15. Januar, 16 Uhr: Wir fahren von Santo Domingo zur haitianischen Grenze. Die Dominikanische Republik ist ganz nett. Ein Urlaubslandland in der Karibik. Hier und da hängt noch Weihnachtsdeko herum. An der Grenze sehen wir Flüchtlinge. Das Rote Kreuz ist darum bemüht, sie nach Santo Domingo zu bringen. Noch ist alles gut organisiert und als es langsam dunkel wird, überreden wir unseren Fahrer, mit uns über die Grenze zu fahren.

Als wir uns Port-au-Prince nähern, sehen wir die ersten Zeichen einer wirklichen Katastrophe: Eingestürzte Häuser, Menschen mit ihren letzten Habseligkeiten, die in Staub und Dunst verschwinden. Der Schock ist jedem ins Gesicht geschrieben. In der Stadt herrscht ein einziges Chaos. Der Verkehr staut sich; jeder möchte an die letzten Benzinreste kommen. Wir fahren in Richtung Flughafen, es wird langsam dunkel. Rettungsteams strömen ein und wir stellen die BGAN neben einer Gruppe russischer Feuerwehrmänner auf, um zu Hause anzurufen. Gregor findet einen Dolmetscher und wir fahren ins Hotel und nehmen uns eines der wenigen übrigen Zimmer.

Bilder: ©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Aktion Deutschland Hilft

Haiti: Herausforderung Kommunikation

Tim Freccia ist seit 10 Tagen für uns als Fotograf in Haiti. In Auszügen aus einer E-Mail an das Aktionsbüro wird deutlich, was die Tage im Katastrophengebiet für ihn bedeuten.

Liebes Aktionsbüro,

damit ihr euch vorstellen könnt, wie es hier vor Ort aussieht, ein kurzes Update von mir. Sehr schwierig. Das Kommunikationsnetz ist zusammengebrochen, die einzige Möglichkeit, mit jemandem zu reden, ist über Satellitentelefon; das BGAN Netz ist auch total überlastet. Ich habe fast den ganzen Tag versucht, arche noVa zu erreichen, um mit ihnen den morgigen Trip ins Feld zu besprechen. Sie sind nicht online. À propos online: Material hier rauszubekommen, ist die Hölle. Ich habe wieder fast 24 Stunden gebraucht, um euch das Video und die Fotos von gestern zu schicken.

Orangenschalen gegen Verwesungsgeruch

Dazu kommt noch der tägliche Kampf ums Überleben: Essen auftreiben, an Wasser, Benzin, Strom, Transportmittel etc kommen. Ich bin quasi gleichzeitig als Fotograf, Logistiker, Überlebenskünstler und Nothelfer unterwegs.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass es ein Alptraum ist, hier vor Ort an Informationen zu kommen. Ich schlage vor, dass ihr euch noch mal mit jeder Mitgliedsorganisation in Haiti in Verbindung setzt und ihnen meine neuen Kontaktdaten gebt (insbesondere Skype, das funktioniert halbwegs). Sie sollen mich mit ihren Aktivitäten ständig auf dem Laufenden halten. Informiert mich weiterhin so oft und so gut wie ihr könnt, damit wir das meiste rausholen können! Sodass die Menschen in Deutschland sehen, wie viel Leid hier noch herrscht und wie unsere Organisationen helfen.

Ich schicke euch Videos und Fotos, wie es die Umstände erlauben, ich gebe mein Bestes und hoffe, dass ihr es gut verwenden könnt.

Liebe Grüße,

Tim

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti - Die Rückkehr

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

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Ich wusste genau, dass ich ein schlechtes Gewissen haben würde!Und ich habe ein schlechtes Gewissen. Meine Tochter sagt, dass sie sich freut, dass ich nach Hause komme. Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Dabei habe ich zwei LKWs beladen, Stories geschrieben, versucht zu vermitteln wie die Haitianer mit dem Schock eines Jahrhundertbebens umgehen, wie die Hoffnung nicht totzukriegen ist. Es ist sehr schwer zu erklären warum mir das Land in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen. Vielleicht ist es die afrikanische Seite Haitis die mich so umgarnt und einfängt, vielleicht der Lebenswille und Lebenshunger der Menschen.

Im Stau auf dem Weg zum Flughafen winkt mir ein kleines Mädchen von einer Mauer zu. Ich lächle und winke zurück. Sie lächelt zurück - ich habe ein schlechtes Gewissen diese Menschen zurückzulassen.

Aktion Deutschland Hilft

Immer mehr Hilfe kommt in die Stadt

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

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Manchmal merkt man erst spät, wie tief die Angst in einem steckt. Bei den beiden kleinen Nachbeben heute rannte ich mal nicht, musste mich aber draußen hinsetzen weil mir schwindelig wurde. Hmm, warum wird einem vom Gehen schwindelig? Wahrscheinlich hab ich mir den Angstschock nach dem schweren Stoss gestern einfach nicht eingestanden - Nicht gut! Man sollte ja seine Angst leben…. wenn man die Zeit hat. Zeit ist definitiv etwas, von dem es hier scheinbar nie genug gibt.

Auf dem Weg durch die Stadt treffe ich ein mobiles Erste-Hilfe-Team einer österreichischen Hilfsorganisation. Eine Ärztin, mit Pfleger und Träger. Sie gehen in das Stadtviertel. um jedem medizinischen Unterstützung anzubieten. Einige der Aktion Deutschland Hilft Bündnispartner wie die Malteser planen auch diese mobilen Teams einzurichten, die aktiv in die Lager gehen um ihre Hilfe anzubieten und so die völlig überfüllten Krankenhäuser und Kliniken zu unterstützen. Auf dem Flughafen fuhren wir zufällig bei den Johannitern vorbei und hielten an. Neue Teammitglieder kommen rein und immer mehr Hilfe kommt in die Stadt. Morgen wird das Belgische Feldlazarett von ihnen unterstützt. Aktion Deutschland Hilft - Gemeinsam schneller helfen!

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti - Raus hier!

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

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Ich habe ALLES falsch gemacht! Früh um sechs wollte ich schon mal ein paar Bilder bearbeiten und saß auf der Decke, auf der ich auch geschlafen habe. Plötzlich schreit mein Zimmerkollege Lon “Oh Shit” und die Erde fängt an zu schwimmen. Ich springe auf, rufe “Raus hier” und während wir durch den dunklen, unbeleuchteten Gang rennen, schreien wir beide laut: “Out, Out, Out”, um die Kollegen aus dem Haus zu scheuchen. Dann stehen etwa zehn World Vision-Kollegen und ich auf dem Hof. Stacey humpelt. Sie hat sich auf dem Weg nach draußen den Knöchel verstaucht. Wie gesagt, ich habe ALLES falsch gemacht. Erste Regel bei Erdbeben: Keine Panik! Hmm, Panik beschreibt meinen Gefühlszustand ausgezeichnet! Zweite Regel: Nicht rennen, ruhig und besonnen nach draußen gehen. Ähem, ich war schneller als der Wind…

Mein Kollege Rich ist erst gar nicht nach draußen gekommen. Er versuchte rauszufinden, wie stark das Beben war. Er sagt, als Kalifornier ist er so etwas gewöhnt. Wir starren ihn alle an und ich meine, dass ich nicht nach Kalifornien ziehen würde, wenn die Bauaufsicht der hiesigen gleicht. Wir kühlen Staceys Knöchel und unsere Angst entlädt sich in Witzen. Dann machen wir uns um die Menschen Sorgen, die wieder in ihre Häuser gegangen sind. Menschen hatten Angst vor Plünderung und wollten wenigstens in der Nähe ihres Besitzes bleiben. 6,1 zeigt die Richterskala bei diesem Nachbeben an. Als ich später in die Stadt fahre, sind die Menschen erstaunlich ruhig. Bei den meisten verebbte die Panik schnell und bis mittags gibt es keine Berichte von vielen Toten. Die Haitianer sind ein leidensfähiges Volk. Sie wollen sich den Weg zur Normalität nicht durch ein Nachbeben verstellen lassen. Ich mag die Haitianer sehr!

Bei einer Besprechung der deutschen Hilfsorganisationen erzählt der Arzt der Malteser, dass es an Medikamenten mangelt. Er schätzt, dass die Hälfte der Verletzten mit offenen Frakturen wegen der notdürftigen Versorgung, der Hitze und der unzureichenden Nachsorge in Lebensgefahr sind. Wir brauchen DRINGEND mehr medizinische Versorgung hier!

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti: Wir hoffen, das Wetter hält

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

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Wer kann etwas gegen einen leichten Schauer bei tropischen Temperaturen haben? Es kühlt ab und erfrischt. Aber mehr als eine Million obdachlose Menschen in Port-au-Prince haben etwas dagegen. Noch viel mehr die Hunderte von Verletzten und Kranken mit ihren Angehörigen und die Nothelfer die sie versorgen auf dem Gelände des Krankenhauses der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten. Für die Verbandsplätze der französischen Sanitäter wäre es genauso eine Katastrophe wie für den amerikanischen Operationsraum unter einer Plastikplane. Die Stimmung ist erstaunlich positiv. Die ausgelaugt wirkenden Franzosen und Amerikaner versuchen mit den Verletzten zu scherzen. Der Nothilfekoordinator von ADRA Deutschland, Fritz Neuberg macht eine lange Bedarfsliste mit den Helfern. An erster Stelle stehen 1500 Liter Diesel für den Generator. Wenn die nicht in einigen Stunden da sind, wird das Krankenhaus, das eigentlich 70 Betten hat, ohne Strom dastehen. Weite Teile des Gebäudes werden nicht benutzt, da Risse sichtbar sind und man noch auf ein grünes Licht der Statiker wartet - aber die müssen erstmal kommen. Bis dahin kampieren alle lieber draußen.

Ein kleiner Junge wird von seinem Onkel gefüttert. Er versucht mich anzulächeln. Er hat kein Bein mehr.

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti: Kein Telefon, kein Internet, kein Essen

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

Wie leben eigentlich die Helfer, wie werden sie versorgt? Diese Frage wurde mir heute mehrere Male gestellt. Na, unter Stress leben die Helfer, ist die kurze Antwort. Diese Nacht verbrachte ich auf dem Betonboden eines Hotels - eine Decke unter mir, eine drüber. Sechs meiner Kollegen schlafen seit Tagen auf Feldbetten neben den Computern im Büro, zwei weitere in einem Zelt auf einem Stückchen Gras neben der Umfassungsmauer des Grundstücks vom Büro. In unserem Hotel gibt es kein Telefon, kein Internet, kein Essen und in einigen Zimmern keinen Strom. Zu Essen gibt es die schrecklichen Meals Ready to Eat des Amerikanischen Militärs und manchmal Reis und Huhn aus einem Styroporteller (nicht jeden Tag). Oder es gibt Kekse… oder nix.

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Schlechter aber geht es den Menschen in den Lagern und auf den Straßen. Viele schlafen immer noch nicht in ihren Häusern, aus Angst vor Einsturz. Und sie haben bisher kaum Wasser - die nötige Versorgung im großen Stil läuft jetzt erst an. Gut, dass heute über Aktion Deutschland Hilft eine große Menge faltbarer Wasserbehälter kommen. Damit können die Menschen sich dann für einen Tag versorgen. Wir versorgen uns in kleinen Flaschen, erhalten Nachschub aus dem Nachbarland, wo wir eine Basis haben.

Kümmern müssen wir uns auch um die lokalen Helfer, die schon vor dem Erdbeben in Port-Au-Prince stationiert waren. Kaum eine Familie in dieser Stadt hat nicht durch das Erdbeben jemanden oder etwas verloren. Meine Kollegin Elvira, Nothilfe-Expertin bei World Vision Haiti, ist heute nachmittag nicht bei uns, wenn wir die nächsten Sachen verteilen. Sie erhielt die Nachricht, dass ihre kleine Adoptivtochter tot aus dem Trümmern eine Hauses geborgen wurde - sie muss sofort beerdigt werden. Immer wieder treffen diese Nachrichten bei den haitianischen Helfern ein… Meine Tochter sagt mir am Telefon, ich sollte länger bleiben, weil die Leute doch so dringend Hilfe bräuchten. Ich bin froh, dass sie lebt und habe ein schlechtes Gewissen.

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti: “Das Unglück war willkürlich”

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

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Seit 1998 habe ich viele Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika bereist. Haiti ist definitiv das erste Land in meinem Leben in dem ich einreiste, das Land und die Hauptstadt durchquerte ohne einem einzigen Staatsbedienstetem zu begegnen. Bis jetzt nicht! Nicht einmal auf der Seite der Dominikanischen Republik wollten sie unsere Pässe sehen. Offiziell bin ich immer noch Tourist in der Dominikanischen Republik, obwohl ich heute abend auf dem Boden des World Vision Büros sitze und hoffe die Eindrücke des ersten Tages aufzuschreiben, bevor der Generator ausgemacht wird.

Unter diesen Umständen, wo jegliches Erleben des Staates in irgendeiner Form im öffentlichen Leben aufgehört hat zu existieren, ist die Lage in Port-au-Prince erstaunlich ruhig. Autos geben einander Vorfahrt, Menschen stehen in Schlangen vor Kliniken. Die Stadt wirkt sogar manchmal zu ruhig.

Was mich erschlägt ist die Willkürlichkeit der Zerstörung: ein Haus steht, das Andere liegt in Trümmern. Müde Männer räumen mit Händen Schutt beiseite. Was sofort auffällt sind die langen Schlangen an den Tankstellen. Dann wieder zwei Straßenzüge mit erstaunlich normalem Leben. Dann wieder ein Marktplatz in dem die Menschen unter Plastikplanen kampieren. Das Unglück war willkürlich und diese Unplanbarkeit erschüttert.

Zwischen Werbeschildern für einen Fotoshop und einem Friseur ein neues, schnell gemaltes Schild: We need Help!!

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