28.01.2010
Erdbeben Haiti, Léogâne: Tagebuch eines Alptraums


Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und hält seine Eindrücke fest.
20. Januar: Kein Strom mehr, Internet über Satellit funktioniert auch nicht mehr. Ich verbringe den Morgen im Haus der Rettungssanitäter und übertrage dort meine Fotos. Mit Falina. Sie ist etwa zehn Jahre alt, schwer behindert und aufgrund einer Darmkrankheit kurz vor dem Verhungern. Sie versucht, meine Zigaretten zu essen, aber ich kann sie gerade noch davon abhalten. Sie lacht. In diesem Haus sind 18 Menschen, darunter viele Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Falina hat eine gute Zeit. Die Rettungssanitäter haben sie in einem provisorischen Flüchtlingscamp gefunden, ihre Mutter konnte sich nicht um sie kümmern, also haben sie sie in ihre Obhut genommen.
Das ganze Sanitäterteam ist gerade draußen im Einsatz, nur Falina und ich sind hier. Sie wiegt vielleicht 30 Kilo, buchstäblich Haut und Knochen. Ich bin ihr bislang aus dem Weg gegangen – ihr Lächeln ist ansteckend, aber ich muss meiner Arbeit nachgehen. Keine Zeit, um mich ihrem Zauber hinzugeben. Aber ich bin der einzige hier, also verbringen Falina und ich etwas Zeit zusammen. Wir schneiden Grimassen. Dann löst mich eine obdachlose Frau ab, die hier wohnt. Ich fahre in die Stadt um einen Hungeraufstand festzuhalten.21. Januar: Wir haben einen neuen Fahrer gefunden und haben den alten in den Wind geschossen. Im Privelege Hotel können wir nicht mehr bleiben, weil die Preise in die Höhe geschnellt sind und wir es uns nicht leisten können. Gregor schaut sich nach einer Bleibe um und wir schlafen auf dem Boden eines leerstehenden Hauses von bulgarischen Auswanderern. Gregor macht seine Sache wirklich gut, er ist geübt darin, weil er die letzten dreieinhalb Jahre in Afrika gearbeitet hat. Er versteht ziemlich viel von Logistik (Unterkunft, Fahrzeuge etc.) und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen HELP und einem Team von französischen Rettungssanitätern, die in einem kleinen, überfüllten Krankenhaus in der Nähe von uns tätig sind.
25. Januar: Ich fotografiere, bearbeite die Bilder, lade sie hoch. So gut wie es eben geht. Ständig bin ich auf der Suche nach Strom und einem Platz, an dem ich mich ein paar Minuten hinsetzen kann. Mein Budget ist nicht groß, also ist das Holiday Inn mit seinen 1000 Dollar pro Nacht keine Option für mich. Die großen TV Sender haben die meisten Hotels in der Stadt ausgebucht.
Mit arche noVa fahre ich nach Léogâne. Die Gegend ist verwüstet. arche bringt Ärzte und eine dringend benötigte Wasseraufbereitungsanlage. Wir kämpfen uns durch den Verkehr und fahren in Richtung Küste. Vor dem Beben war Léogâne eine Art Badeort, jetzt sind sämtliche Gebäude eingestürzt; die Überlebenden sind verletzt und der Schock sitzt tief.
Another day in paradise.
Bilder: ©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

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