18.08.2010
Das Zimmer ist viel zu groß für eine Person. Es ist mein Zimmer in dem Gästehaus, in dem ich in Islamabad unterbracht bin. Ein pakistanischer Freund, der mich heute besuchte, sagte: „Hier wäre noch Platz für ein paar Leute.“ Stimmt.
Angesichts der Eindrücke von den Fluten frage ich mich, wieso ich in so einem großen Raum lebe. Allerdings tröste ich mich damit, dass ich ja viel unterwegs bin und nicht immer hier. Eine leichte Beruhigung meines schlechten Gewissens.
Im Kleiderschrank, links oben, ein Teppich. Zum Beten. Pakistan ist ein muslimisches Land. Nein, im Allgemeinen keineswegs fundamentalistisch. Die Religiosität beeindruckt mich. Seit einigen Tagen ist der Fastenmonat Ramadan – oder wie sie hier sagen Ramazan. Auch meine pakistanischen Freunde fasten. Sogar die CARE-Kollegen im Süden Punjabs, von wo ich am Wochenende wieder zurückgekehrt bin, tun dies. Sie arbeiten den ganzen Tag, ohne zu essen, zu trinken, zu rauchen. Am Samstag war Unabhängigkeitstag, wie immer am 14. August. Aber es sind wenige Fahnen in diesem Jahr zu sehen. Es gibt kaum Feiern. Dem Land ist nicht danach, zu singen und zu tanzen.

Diese Menschen haben überlebt. Sie konnten mit einem Boot aus ihren überfluteten Dörfern geretten werden. (Foto: CARE/Schwarz)
Vom Nordwesten in den Süden
Nach meinem Besuch in der Region Mardan, in Nowshera und in Charsadda im Nordwesten dachte ich: So etwas Schlimmes gibt es nirgendwo auf der Welt. Aber was ich im südlichen Punjab gesehen habe, ist um keinen Deut besser als die Lage im Nordwesten. Jedes einzelne Schicksal ist wie das der Menschen oben im Land, da, wo die Wassermassen herkommen.
Über die Lebensbedingungen derer, die an großen Straßen um Multan herum leben, habe ich ja schon geschrieben. Wir sind weiter gefahren, Richtung Muzaffargarh. Dort haben wir in einem Übergangslager Halt gemacht. Durch ein Tor gelangt man auf eine Art Damm, von dem rechts und links Wiesen abgehen. Dort grasen Ziegen, Kühe und Kälber. Ganz unterschiedlich sind die Kühe hier: braun, schwarz-weiß gefleckt oder irgendwie mit undefinierbaren Mustern auf der Haut. Auch auf dem Damm selbst liegen Kühe und käuen wieder. Nach einiger Zeit schaut man nicht mal mehr zu Boden, so oft tritt man auf Kuhmist.
Versprechen und Erwartungen
Da treffe ich Gindan Mai. Sie ist Witwe. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau. Aber sie ist sicher älter als 70, sagt mir ein pakistanischer Freund später beim Betrachten ihres Fotos. Der einzige Mensch, den Gindan bei sich hat, ist ihr Bruder, der viel jünger ist als sie. „Ich weiß nicht, was mit meiner restlichen Familie passiert ist“, sagt sie erregt. Und. „Ich weiß nicht, ob sie noch leben.“ Ja, sie selbst haben hier eine Bleibe gefunden. Sie sind gerettet, sie haben überlebt. Aber „es gibt nicht immer genug essen.“

Die Witwe Gindan Mai ist mittlerweile zwar in Sicherheit, aber sie weis nicht, ob es ihrer Familie genauso geht. (Foto: CARE/Schwarz)
Daneben kauert ein alter Mann auf der hochgewuchteten Matte. Er schläft. Als er wach wird, schiebt er sich zur Seite und bietet mir Platz an. Ich soll mich zu ihm setzen. Alle reden immer gleichzeitig auf mich und die anderen ein. Es ist Ausdruck jener Verzweiflung, die wir hier ganz oft vorfinden. „Die Menschen sind sehr gestresst“, sagt Daw Mohamed. Er ist stellvertretender Leiter des CARE-Büros in Pakistan. Ich habe ihn vor Jahren in Afrika kennen gelernt; er stammt aus dem Sudan und weiß, was das Wort „Katastrophe“ für die Menschen bedeutet.
So viel darüber sprechen, wie möglich
Gindan Mai tut, was viele tun, wenn wir kommen. Sie fleht regelrecht um Hilfe, um Essen, Trinken, Schutz und Medizin für die, die es benötigen. Ich sage ihr, was meine Mutter uns als Kindern einbläute: „Versprich nie etwas, was Du nicht halten kannst.“ Sie nickt zustimmend. Aber was ich ihr verspreche, ist dies: Dass ich soviel ich kann darüber schreiben und sprechen werde, was ich sehe. Und dass ich versuchen werde, für mehr Unterstützung zu werben. Auch dieser Blog soll dazu ein Beitrag sein. Vielleicht lesen ihn Menschen und Regierungen, die es sich leisten könnten, noch mehr zu helfen, als sie es bisher getan haben.
Während ich schreibe, meldet die Zeitung Dawn in ihrer Onlineausgabe, dass fünf Kinder in Kohistan an Unterernährung gestorben sind.















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