Aktion Deutschland Hilft

Das Zimmer ist viel zu groß für eine Person. Es ist mein Zimmer in dem Gästehaus, in dem ich in Islamabad unterbracht bin. Ein pakistanischer Freund, der mich heute besuchte, sagte: „Hier wäre noch Platz für ein paar Leute.“ Stimmt.
Angesichts der Eindrücke von den Fluten frage ich mich, wieso ich in so einem großen Raum lebe. Allerdings tröste ich mich damit, dass ich ja viel unterwegs bin und nicht immer hier. Eine leichte Beruhigung meines schlechten Gewissens.

Im Kleiderschrank, links oben, ein Teppich. Zum Beten. Pakistan ist ein muslimisches Land. Nein, im Allgemeinen keineswegs fundamentalistisch. Die Religiosität beeindruckt mich. Seit einigen Tagen ist der Fastenmonat Ramadan – oder wie sie hier sagen Ramazan. Auch meine pakistanischen Freunde fasten. Sogar die CARE-Kollegen im Süden Punjabs, von wo ich am Wochenende wieder zurückgekehrt bin, tun dies. Sie arbeiten den ganzen Tag, ohne zu essen, zu trinken, zu rauchen. Am Samstag war Unabhängigkeitstag, wie immer am 14. August. Aber es sind wenige Fahnen in diesem Jahr zu sehen. Es gibt kaum Feiern. Dem Land ist nicht danach, zu singen und zu tanzen.

Diese Menschen haben überlebt. Sie konnten mit einem Boot aus ihren überfluteten Dörfern geretten werden. (Foto: CARE/Schwarz)

Diese Menschen haben überlebt. Sie konnten mit einem Boot aus ihren überfluteten Dörfern geretten werden. (Foto: CARE/Schwarz)

Vom Nordwesten in den Süden

Nach meinem Besuch in der Region Mardan, in Nowshera und in Charsadda im Nordwesten dachte ich: So etwas Schlimmes gibt es nirgendwo auf der Welt. Aber was ich im südlichen Punjab gesehen habe, ist um keinen Deut besser als die Lage im Nordwesten. Jedes einzelne Schicksal ist wie das der Menschen oben im Land, da, wo die Wassermassen herkommen.

Über die Lebensbedingungen derer, die an großen Straßen um Multan herum leben, habe ich ja schon geschrieben. Wir sind weiter gefahren, Richtung Muzaffargarh. Dort haben wir in einem Übergangslager Halt gemacht. Durch ein Tor gelangt man auf eine Art Damm, von dem rechts und links Wiesen abgehen. Dort grasen Ziegen, Kühe und Kälber. Ganz unterschiedlich sind die Kühe hier: braun, schwarz-weiß gefleckt oder irgendwie mit undefinierbaren Mustern auf der Haut. Auch auf dem Damm selbst liegen Kühe und käuen wieder. Nach einiger Zeit schaut man nicht mal mehr zu Boden, so oft tritt man auf Kuhmist.

Versprechen und Erwartungen

Da treffe ich Gindan Mai. Sie ist Witwe. Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau. Aber sie ist sicher älter als 70, sagt mir ein pakistanischer Freund später beim Betrachten ihres Fotos. Der einzige Mensch, den Gindan bei sich hat, ist ihr Bruder, der viel jünger ist als sie. „Ich weiß nicht, was mit meiner restlichen Familie passiert ist“, sagt sie erregt. Und. „Ich weiß nicht, ob sie noch leben.“ Ja, sie selbst haben hier eine Bleibe gefunden. Sie sind gerettet, sie haben überlebt. Aber „es gibt nicht immer genug essen.“

Die Witwe Gindan Mai ist mittlerweile zwar in Sicherheit, aber sie weis nicht, ob es ihrer Familie genauso geht. (Foto: CARE/Schwarz)

Die Witwe Gindan Mai ist mittlerweile zwar in Sicherheit, aber sie weis nicht, ob es ihrer Familie genauso geht. (Foto: CARE/Schwarz)

Daneben kauert ein alter Mann auf der hochgewuchteten Matte. Er schläft. Als er wach wird, schiebt er sich zur Seite und bietet mir Platz an. Ich soll mich zu ihm setzen. Alle reden immer gleichzeitig auf mich und die anderen ein. Es ist Ausdruck jener Verzweiflung, die wir hier ganz oft vorfinden. „Die Menschen sind sehr gestresst“, sagt Daw Mohamed. Er ist stellvertretender Leiter des CARE-Büros in Pakistan. Ich habe ihn vor Jahren in Afrika kennen gelernt; er stammt aus dem Sudan und weiß, was das Wort „Katastrophe“ für die Menschen bedeutet.

So viel darüber sprechen, wie möglich

Gindan Mai tut, was viele tun, wenn wir kommen. Sie fleht regelrecht um Hilfe, um Essen, Trinken, Schutz und Medizin für die, die es benötigen. Ich sage ihr, was meine Mutter uns als Kindern einbläute: „Versprich nie etwas, was Du nicht halten kannst.“ Sie nickt zustimmend. Aber was ich ihr verspreche, ist dies: Dass ich soviel ich kann darüber schreiben und sprechen werde, was ich sehe. Und dass ich versuchen werde, für mehr Unterstützung zu werben. Auch dieser Blog soll dazu ein Beitrag sein. Vielleicht lesen ihn Menschen und Regierungen, die es sich leisten könnten, noch mehr zu helfen, als sie es bisher getan haben.

Während ich schreibe, meldet die Zeitung Dawn in ihrer Onlineausgabe, dass fünf Kinder in Kohistan an Unterernährung gestorben sind.

Aktion Deutschland Hilft

Die Taliban, so lese ich in den Medien in Deutschland, würden den Flutopfern helfen. Und sie feierten sich dafür auch noch.

In Interviews werde ich gefragt: „Stimmt es, dass die radikalen Taliban Hilfe leisten und sich so positiv positionieren können?“ Ja, das können sie. Selbstverständlich können sie das. Das tun andere übrigens auch, wenn sie Hilfe leisten (können). Aber ist das wirklich eine Frage zur Zeit? Ist das eine Debatte, die wir jetzt, zu diesem Zeitpunkt führen sollten? Ich finde: nein!

Diese notdürftig errichteten Behausungen ersetzen die überfluteten Häuser vieler Menschen in Punjab. (Foto: CARE/Schwarz)

Diese notdürftig errichteten Behausungen ersetzen die überfluteten Häuser vieler Menschen in Punjab. (Foto: CARE/Schwarz)

Die CARE-Hilfe kommt an

Diese Debatte ist eine von Gespenstern und hat nichts mit dem zu tun, was ich hier sehe. Nicht im Nordwesten, wo ich war und auch nicht hier im Süden, wo ich jetzt bin. Es ist eine Luxusdiskussion, die man nur dann führen kann, wenn man selbst keine großen Probleme hat. Ich meine wirklich große Probleme. Ehrlich gesagt verstehe ich nur schwer, was dieses Thema mit einer der größten Katastrophen der neueren Zeit zu tun haben soll. Wir sollten vielmehr nach Lösungen suchen, wie wir den Menschen hier besser und viel, viel schneller helfen können. Zum Beispiel mit Geld aus Deutschland an Hilfsorganisationen wie CARE. Denn das Geld, das von dort kommt, wird direkt eingesetzt. Zum Beispiel für eine mobile medizinische Hilfe. Das habe ich heute in Moltan gesehen.

Es herrschen 40 Grad und mehr, Fliegen surren über einem Haufen von Medikamentenpäckchen, ein Mann scheucht sie mit einer Art Fächer weg. Eine Schlange von Flutopfern steht geduldig an. Die, die Hilfe bekommen, werden in eine Liste eingetragen. Alles geht ruhig, schnell und effizient zu. Das ist CARE-Hilfe, die ankommt. Und es ist nur ein Beispiel. Moltan liegt im Süden, in Punjab, wo sie eine neue Flut erwarten. Genau weiß man das nicht. CARE hat in den ersten Tagen nach der Flut seine Lager hier geräumt. Hat Zelte verteilt, Hygienepakete an Frauen, Küchenutensilien, Moskitonetze. Niemand kann wirklich behaupten, das Geld komme nicht an, das an Hilfsorganisationen geht.

Menschen helfen Menschen – so ist Pakistan

An der großen, vierspurigen Straße außerhalb von Moltan, in Punjab also, sehen wir Zelte, aneinander gereiht wie an einer Perlenschnur. Zelte? Eher sind es Behausungen. Tücher sind behelfsmäßig an Holzstöcken befestigt, wie übergroße Küchenrollen. Nach vorne und nach hinten offen, also kein Schutz, keine Privatsphäre. Aber ein „Dach“ über den Köpfen. Ein alter Mann kauert alleine vor sich hin. Er ist bestimmt 70. Kinder schauen apathisch ins Nichts.

Auch dieser alte Mann hat alles bis auf seine Ziege verloren. (Foto:CARE/Schwarz)

Auch dieser alte Mann hat alles bis auf seine Ziege verloren. (Foto:CARE/Schwarz)

Als wir kommen, sind wir in Sekunden umringt von Menschen, die alle gleichzeitig drauflos reden. Und das sind immer die gleichen Sätze, die sie sagen: „Wir haben keine Zelte, sehen Sie!“ Wir können es sehen. „Da hinten, da haben wir gewohnt.“ Sie zeigen auf ihr Dorf, keine 200 Meter entfernt. Es steht unter Wasser, nur die Dächer sind noch erkennbar. Und eine Art Dorf- oder Stadtmauer. Wann sie zurück können, hängt davon ab, ob es bald wieder regnen wird oder das Wasser endlich abzieht.

Und dann erzählen sie, dass sie Essen bekommen. Von wem, fragen wir. „Wer versorgt Euch?“ Es sind die Städter, die aus Moltan, die ihnen gekochtes Essen bringen, jeden Tag. Sie kennen sie nicht, aber sie wissen, auch morgen werden sie wieder da sein. Seit heute kommen sie abends, nach Einbruch der Dunkelheit. Denn heute hat der Ramadan begonnen, den sie hier Ramazan nennen. Der Fastenmonat hat begonnen, morgen ist Unabhängigkeitstag. Und es gibt sie, die Hilfe – die kommt aber hier von Pakistanis für Pakistanis. Keine Taliban, keine Politik, kein Militär ist hier ein Thema. Hier sind es die Menschen. Und das ist genau das Pakistan, das ich kenne und so sehr schätze.

Zahid, den ich vor zwei Tagen getroffen habe, spielt wieder – auf dem aufgeweichten Schlammboden seines Dorfes, da, wo die Wassermassen nicht hingekommen sind. Mein Kollege Mujahid hat mir gerade eine Mail geschickt. Die Mutter konnte mit dem Jungen zum Krankenhaus. Jetzt geht es ihm wieder gut. Auch das gehört zur Frage: „Kommt die Hilfe wirklich an?“ Ja, sie kommt an.

Aktion Deutschland Hilft

Als wir uns heute früh gegen sechs Uhr von Islamabad aufmachten, wusste ich nicht so genau, was mich erwarten würde.
Natürlich hatte ich bisher die vielen Berichte im Fernsehen gesehen und die in den Zeitungen gelesen, Radio gehört und mit den Kollegen von CARE gesprochen. Das ganze Wochenende über hatte ich UN-Leute getroffen, Kollegen von anderen Hilfsorganisationen befragt und zugehört.

Über den Highway Nr. 1 geht es Richtung Nordwesten. Der Highway ist in drei Teile unterteilt, im Ganzen führt er quer durchs halbe Land von Lahore im Süden über die Hauptstadt bis nach Peschawar im Nordwesten. Rechts und links erstrecken sich Felder, Männer und Frauen arbeiten bereits dort. Scheint alles irgendwie normal, keine Fluten, nirgendwo viel Wasser zu sehen – bis nach etwa 55 Kilometern der Indus auftaucht. Aggressiv, mächtig, furchterregend hat er sich auf beiden Flussseiten breit gemacht. Wir überqueren ihn, und plötzlich ist er im Nebel verschwunden, als wolle er sich verstecken. Aber das ist es, das Ungeheuer, das Menschenleben gekostet und Millionen um ihr Hab und Gut gebracht hat. Und wieder einmal traf es diejenigen, die eh nur von der Hand in den Mund leben.

Das Wasser steht immer noch in Nowsheras Straßen. (Foto: CARE/ Schwarz)

Das Wasser steht immer noch in Nowsheras Straßen. (Foto: CARE/ Schwarz)

Das Wasser hat fast alles gestohlen

Nach der Brücke und diesem unangenehmen Nebel, vielleicht 40, 50 Kilometer weiter: Immer wieder Zelte. Sie stehen in Feldern, am Straßenrand. Irgendwo haben die Menschen sie aufgestellt, wo gerade Platz war – und kein Wasser. Dort leben sie jetzt, die ihre Häuser verloren haben. Menschen, denen die Wucht der Fluten vor knapp zwei Wochen vielleicht fast das Leben gekostet hätte. Noch einmal 30 Kilometer weiter als die Zelte, die wir gerade erst gesehen hatten. Wir sind im der Gemeinde Zareenabad. Zu ihr gehören zwei Schwestergemeinden: Gharebabad und Nawan Kili. Das sind für mich unaussprechliche Namen, sooft ich es auch versuche. Zusammen leben hier etwa 26.000 Menschen.

Ganz in der Nähe wohnt Nambarj. Sie ist 56 und Witwe. Das kleine Dorf, in dem sie ihr Haus verloren hat, heißt Nisatar. „Sehen Sie hier, das Haus. Es ist einfach nicht mehr da“, sagt sie. CARE hat ihr ein Zelt in den Hof gestellt.

Die 56jährige Witwe Nambari hat in den Fluten alles verloren, auch ihr Haus. CARE gab ihr ein Zelt, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen muss. (Foto: CARE/ Mahmood)

Die 56jährige Witwe Nambari hat in den Fluten alles verloren, auch ihr Haus. CARE gab ihr ein Zelt, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen muss. (Foto: CARE/ Mahmood)

Als die Flut kam, sprang das Wasser über zwei Meter hoch über ihr Haus hinweg. Was ihr geblieben ist? „Sehen Sie,“ sie zeigt die alte Küche, die aus festerem Gemäuer gebaut worden war auf ein Regal. „Da oben, da sind noch zwei Geräte. Das andere hat sich das Wasser einfach gestohlen.“ Ihr Sohn schlägt sich als Tagelöhner in Mardan durch. Jeden Tag neu anfangen, jeden Tag das Werk zu Ende bringen. Jetzt hat er geheiratet und Mühe, für seine eigene Familie zu sorgen.

Ungeheure Bilder, unglaubliche Armut

CARE verspricht der Frau, ihr in den nächsten Tagen Küchenutensilien zu bringen. Wenn alles verloren ist, machen kleine Dinge einen großen Unterschied. Hier arbeitet auch die Organisation CRDO (Community Research and Development Organisation). Imran Inam von der CRDO ringt mir Respekt ab. Die Art, wie er mich begleitet und nicht nur übersetzt, beeindruckt mich. Er geht auf jede kleine Bemerkung der Menschen ein, übrigens auch auf jede von mir. CRDO ist eine der lokalen Partnerorganisationen von CARE in Pakistan und verteilt Hilfsgüter.

Ich kann mir Armut vorstellen. In vielen Ländern, in denen ich war, ist sie eine Realität. Was ich aber jetzt gesehen habe, macht mich fassungslos. Nicht nur die Lage, in der sich die Witwe befindet. Auch die des alten Mann, der uns sagt: „Ich habe keine Schuhe mehr.“ Er lebt mit seinen Kindern und Enkeln in einem Zelt auf dem Grundstück des Sohnes. „Morgen bekommt er Schuhe,“ sagt Imran zu mir, als ich ihn frage. „Wir haben eine Ladung bekommen. Er bekommt sie morgen.“ Die Menschen hier im Nordwesten des Landes sind ohnehin arm. Ärmer als in anderen Regionen Pakistans.

Gibt es Zahid auch in den reichen Ländern?

Aber die Situation dieses kleinen Jungen, der da auf dem Lehmboden eines leeren, einfachen Hauses liegt, schockt mich. Als wir gerade zum nächsten Treffpunkt fahren wollen, werden wir gestoppt.  „Bitte, kommen Sie in mein Haus, bitte!“ Zahid ist gerade vier Jahre alt. Husten und Temperatur haben ihn so erschöpft, dass er schläft. Es ist halb vier am Nachmittag. Die Mutter weint, als sie nicht nur mich, sondern auch die anderen Helfer kommen sieht. Zwei Brüder hocken neben ihm, wie paralysiert.

Der kleine Zahid ist krank und braucht dringend medizinische Hilfe. Doch seine Mutter hat noch nicht einmal das Geld, um ihn mit dem Bus ins Krankenhaus zu fahren. (Foto: CARE/ Schwarz)

Der kleine Zahid ist krank und braucht dringend medizinische Hilfe. Doch seine Mutter hat noch nicht einmal das Geld, um ihn mit dem Bus ins Krankenhaus zu fahren. (Foto: CARE/ Schwarz)

Die Mutter hat kein Geld für den Transport ihres Sohnes Zahid zum nächsten Krankenhaus. Schon gar nicht hat sie genug, um die notwendige Medizin zu bezahlen. Jemand steckt ihr Geld zu, zumindest für den Transport. Wie es weitergeht mit ihm? „Weißt Du, Thomas,“ sagt mein CARE-Kollege Mujahid, „es gibt sehr viele solcher Fälle in dieser Gegend.“ Und ergänzt: „Wir werden eine Lösung finden.“

Ich finde es beschämend, wie wir mit einer der größten Unwetterkatastrophen seit Jahrzehnten umgehen. Gleichzeitig bemühe ich mich, nicht ungerecht zu werden. Auch bei uns zuhause, in den reichen Ländern, gibt es Armut. Aber Zahid? Gibt es den auch in England oder Holland, Deutschland oder Frankreich? Ich bin mir unsicher.

Aktion Deutschland Hilft

Diese Woche ist eine besondere hier in Pakistan, im Land der Fluten. Sie wäre es auch ohne die Naturkatastrophe, aber jetzt hat sie eine ganz besondere „Note“.

Am 14. August ist Independence Day. In der Nacht zum 15. August 1947 wurde das Land von den britischen Kolonialherren in die Unabhängigkeit entlassen. Übrigens gleichzeitig mit Indien. Zudem beginnt in dieser Woche der Fastenmonat Ramadan.Dass die Menschen hier auch unfreiwillig fasten, das zeigen die Bilder, die hier von morgens bis nachts über die Bildschirme gehen. Tausende von Hektar Ackerflächen sind überflutet. Das bedeutet, wenn nichts getan wird, vor allem eins: Hunger. Dieses Wort gibt es in diesem Land. Nicht wenige Menschen haben Angst davor. Der pakistanische Regierungschef Gilani sprach am Sonntag von einem „zweiten Monsun“, der dem Süden bevorstehe. Und genau dort ist die Kornkammer des Landes.

Während die Fluten auch Charsada erreichen, beginnt der Fastenmonat Ramadan in Pakistan (Foto: CARE/HRDN)

Während die Fluten auch Charsada erreichen, beginnt der Fastenmonat Ramadan in Pakistan (Foto: CARE/HRDN)

Auch positive Nachrichten

Ein Land mit über 180 Millionen Menschen steht in weiten Teilen vor dem Nichts. Dabei gehört es schon jetzt zu den sehr armen Ländern der Erde. Und vor allem im Fokus des Weltinteresses, wenn es um das Thema Terrorismus geht. Selten wird Positives berichtet aus Pakistan; dabei gäbe es mehr als eine gute Nachricht von hier. Besonders in diesen Tagen, wenn Nachbarn Nachbarn helfen und die, deren Haus noch steht, denen, die keins mehr haben. Oder wie die Jugendlichen eines Colleges, die durch die Innenstadt von Islamabad gehen und Spenden für die Flutopfer sammeln. „Es wird sicher nicht so viel werden,“ sagt mir einer, der mir den Pappkarton zeigt, in den das Geld geworfen wird. „Aber wir wollen wenigstens ein bisschen auch selbst tun und nicht nur warten, bis uns geholfen wird.“

Diese Hilfe ist bitter nötig, das wird von Tag zu Tag deutlicher. Dabei ist es oft mehr als schwierig. So haben Partnerorganisationen wie CARE Medizin und Mull für schwangere Frauen geliefert, die kurz vor der Entbindung standen. Der Weg zum Krankenhaus wäre nicht mehr zu schaffen gewesen. Nur mit der Hilfe von Maultieren und Eseln sind diese Frauen erreichbar gewesen. Die Brücken und Straßen dorthin sind für Fahrzeuge nicht mehr passierbar.

Teller, Gabeln, Geschirr – nichts ist mehr da

Behelfsmäßig auch die Lieferungen von Küchenutensilien, Pflastern, Tellern, Löffeln und allerlei anderem Küchengeschirr. Nichts ist mehr übrig geblieben aus dem Haus, das von den Fluten einfach weggerissen worden ist. Aber immerhin sind diese Dinge jetzt da. Außerdem Zelte, die benötigen die Menschen auch. Es hört ja einfach nicht auf zu regnen.

Bei der CARE-Hilfe stehen die Frauen mit ihren Kindern im Mittelpunkt. Mit einem knappen Dutzend LKWs fahren Mediziner und andere Helfer in die Gebiete, die sie erreichen können. Sie behandeln dringend Bedürftige. Gleichzeitig verschaffen sie sich einen weiteren Überblick, damit sie noch besser planen können.

Heute fahren Zahid aus unserem Länderbüro in Pakistan und ich nach Mardan im Nordwesten des Landes. Drei Tage werden wir weitere Hilfe koordinieren und – vor allem – planen. Ich werde mir ein Bild machen, um berichten zu können. Man sieht nur mit den eigenen Augen gut, könnte man sagen. Kein Fernsehbild und kein Bericht kann allerdings das Leid der Menschen wirklich wiedergeben, nicht das beschrieben, was sie zurzeit durchleiden müssen.

Ich weiß, ich wiederhole mich. Dennoch muss ich es wiederholen: Was fehlt, nach wie vor, ist Geld. Es ist ganz einfach. Kommt nicht genug Geld zu Hilfsorganisationen wie CARE oder denen in der Aktion Deutschland hilft, kann nicht ausreichend geholfen werden. Ich halte den Gedanken kaum aus, dass es Menschen geben könnte, denen das Schicksal von 12 Millionen gleichgültig sein könnte, nur weil sie in Pakistan leben.

Aktion Deutschland Hilft

Im Kabelfernsehen spielen gerade Deutschland und Uruguay gegeneinander. Fußball. Es steht 2:2. Ein Sportkanal zeigt die Widerholung des Spiels während der Weltmeisterschaft in Südafrika.

Auf DAWN-TV sitzen zur gleichen Zeit zwei Journalisten im Studio und informieren in der Nationalsprache Urdu über Nahrungsmittel-Hilfen.Gerade bin ich in Islamabad angekommen, viel später als erwartet. Durch das Wetter und miserable Sicht konnte die Maschine morgens nicht landen und wurde nach Karatschi umgeleitet. Das ist die größte Stadt des Landes und liegt am Mündungsdelta des Indus. Der ist jetzt gerade doppelt so brei wie sonst durch die Fluten. Karatschi ist eine der größten Städte der Welt, fast 13 Millionen Menschen, leben hier. Das ist Platz drei der Weltrangliste. Natürlich habe ich nur das Flughafengebäude gesehen. Auch nichts von der Börse des Landes, die in der Stadt ihren Sitz hat. Im Flughafen also stundenlanges Warten, um dann endlich in die Hauptstadt zu fliegen. Hier ist auch das Hauptbüro von CARE in Pakistan.

Im Fernsehen gibt es Fussball, auf den Straßen die pure Verzweiflung. Pakistan leidet unter gewaltigen Fluten (Foto: CARE)

Im Fernsehen gibt es Fussball, auf den Straßen die pure Verzweiflung. Pakistan leidet unter gewaltigen Fluten (Foto: CARE)


Wer kann sich das vorstellen?

Den DAWN gibt es auch auf Englisch, als Zeitung. Er berichtet on- und offline ständig und ausführlich über die Lage in den Flutgebieten. Wenn ich ihn lese, werde ich erneut ich an den Mai des vergangenen Jahres erinnert. Damals stiegen die Opferzahlen im Nordwesten Pakistans auch täglich. Inzwischen sprechen die Medien hier von über zwölf Millionen Betroffenen. Wer kann sich so eine Zahl eigentlich noch vorstellen, wenn wir über Opfer reden?

Zerstörung überall in den betroffenen Provinzen Pakistans (Foto: CARE)

Zerstörung überall in den betroffenen Provinzen Pakistans (Foto: CARE)

Auf dem Weg vom Internationalen Flughafen in Islamabad zu dem Haus, in dem ich untergebracht bin, ständig Telefonate. Vor allem mit den CARE-Kollegen. Es war zu spät geworden, um uns noch zu treffen. Neue Informationen werden weitergegeben und ausgetauscht. Eine Kollegin weist mich auf die Homepage der Nationalen Katastrophenbehörde hin der National Desaster Management Authority MDMA hin. Die Behörde untersteht direkt dem Premierminister. Dort informiert die Regierung, was alles unternommen wird. Erste Brücken werden wieder instand gesetzt, jedenfalls provisorisch. Denn das ist der Albtraum der Hilfe: Die Infrastruktur ist so beschädigt, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht erreicht wurden.

Es reicht hinten und vorne nicht, aber…

CARE hat inzwischen Tausende Menschen mit Zelten, Kleidung, Moskitonetzen und anderen wichtigen Hilfsgütern erreicht. Elf LKWs sind gefahren, soweit das möglich war. Auch Tabletten zum Reinigen von Wasser waren dabei. Heute fragte mich ein Radioreporter: „Reicht das denn oder ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein?“ Es reicht hinten und vorne nicht, aber für die Menschen bedeutet es womöglich ihr Überleben.

Dennoch: es fehlen viele, viele Millionen von Euro, um jetzt unmittelbar helfen zu können. Die Staaten, die es sich leisten könnten, zögern. Das ist hier die allgemeine Überzeugung. Wer sieht und hört, wie verzweifelt die Menschen hier sind, kann das Zögern der Geldgeber nicht mehr verstehen.

Aktion Deutschland Hilft

Wenn dieser Blog online gestellt wird, werde ich wohl gerade in Dubai auf den Weiterflug nach Islamabad warten. Es geht wieder nach Pakistan.

Es wird mein vierter Besuch in diesem Land sein, das viele nur von Katastrophen kennen oder von gewalttätigen Ausschreitungen. Innerhalb der letzten fünf Jahren habe ich allerdings auch ein Land kennen gelernt, in dem viele hilfsbereite Menschen leben, die gerade in Notsituationen vor allem eins im Sinn haben: Sich gegenseitig unter die Arme zu greifen.Das wird allerdings – auch dieses Mal – wieder nicht ausreichen. Dazu ist das Ausmaß der Sintfluten zu gravierend. Schon die nackten Zahlen erschrecken: Fast eintausend Dörfer sind betroffen, auf vielfältige Weise. Häuser wurden komplett zerstört oder sind so beschädigt, dass ein Wiederaufbau nötig ist. Tausende von Hektar Getreidefeldern sind jetzt in einem Zustand, als ob sie nie bestellt worden wären. Die Folge sind, nüchtern ausgedrückt, massive Ernteausfälle. Und das heißt, dass den Menschen ihre Lebensgrundlage vom Wasser entrissen wurde.

In den letzten Tagen sind einige Provinzen Pakistans von verheerenden Fluten heimgesucht worden. (Foto: CARE/Carvan)

In den letzten Tagen sind einige Provinzen Pakistans von verheerenden Fluten heimgesucht worden. (Foto: CARE/Carvan)


Nach der Flut kommen die Krankheiten

Tiere sind verendet, ertrunken wie Menschen. Die Kadaver der Rinder und Ziegen konnten nicht geborgen werden; sie schwimmen irgendwo im Wasser oder liegen jetzt an den Ufern des Flusses Indus. Da waren die Meldungen über erste Fälle von Cholera vorprogrammiert. Das bedeutet Todesgefahr für die, die überlebt haben. Es gibt zu viel Wasser, das „steht“, so heißt es – es fließt viel zu langsam ab. Dann werden hygienische Bedingungen in solchen Gebieten miserabel. Denn wo keine Toiletten sind, brechen sich Krankheiten wie Cholera leicht Bahn. In Pakistan herrschen zur Zeit perfekte Bedingungen dafür.

Ein Hilfskonvoi auf dem Weg in die von den Fluten betroffenen Gebiete (Foto: CARE)

Ein Hilfskonvoi auf dem Weg in die von den Fluten betroffenen Gebiete (Foto: CARE)

Deshalb ist es gut, dass CARE mit sogenannten „mobilen Gesundheitseinheiten“ unterwegs ist. Hygienepakete werden jetzt verteilt. Damit sich die Menschen waschen können, die Kinder versorgt und wenigstens fürs Erste ein minimaler Schutz vor weiteren Krankheiten gegeben ist.

Mehr als die Hälfte der von dieser schwersten Flutkatastrophe seit über 80 Jahren betroffenen Menschen sind Kinder. Das hat die UNO gerade berichtet. Sie und ihre Mütter sind besonders hilfsbedürftig; sie sind die Schwächsten. Und welche Herausforderung Hilfsleistungen in dem riesengroßen Gebiet sind, kann man hier nachlesen.  Es ist die Seite der Regierung, die die Einzelheiten der „Flut 2010“ auflistet. In diesem Fall ist es ein Überblick über die Zahl blockierter oder zerstörter Brücken.

Dringlichste Information: der Wetterbericht

Die wichtigste Website  für die Menschen in Pakistan, ist zur Zeit sicher diese Seite. Es ist der Wetterbericht, der keine Rückkehr zur Normalität bedeutet. Regen wird in vielen Gebieten auch weiter prognostiziert, Stürme ebenso. Nur in Mardan, im Nordwesten des Landes, wird Sonnenschein angekündigt, jedenfalls für heute und morgen.

Bei all den schrecklichen Nachrichten zeigt sich in diesen Tagen wieder, dass CARE durch seine internationale Arbeit schnell auf solche Katastrophen reagieren kann. Weil es auch in Pakistan ein Büro gibt. Es war erst kurz vor dem schweren Erdbeben 2005 gegründet worden. Morgen werde ich auch dort sein und versuchen, meinen Teil zu leisten, damit es den Opfern des Monsuns etwas besser gehen kann. Meine Kollegen in Pakistan arbeiten schon daran.

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Endlich ist es wieder soweit. Nach einer längeren Reisepause aufgrund meines Studiengangs an der Hotelfachschule geht es wieder in die weite Welt hinaus. Diesmal nicht wie bisher üblich mit dem Rucksack, sondern mit dem Bike. Es war schon immer ein Traum von mir, eine solche Tour einmal mit dem Bike zu machen. Dieses Jahr vom 23. Juni bis 28. Juli ist es endlich so weit.

Die Idee

“Wie kommt man auf solch eine Idee?”, wird sich manch einer fragen. Die Grundidee einer solchen Tour geistert schon seit einigen Jahren bei mir im Kopf herum. Ich glaube es war ungefähr zwischen meiner aktiven Zeit als Mountainbiker und meinem ersten Backpackerurlaub in Cuba. Es ist eigentlich eine Verbindung zweier meiner großen Leidenschaften: Reisen und Biken.

Eine weitere Idee, die mir mit dieser Art von Reise in den Kopf kam war, eine Spendenaktion für Hilfsbedürftige in diese Biketour zu integrieren. Die indonesische Westküste wurde nach dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 im Oktober 2009 wieder von einem starken Erdbeben heimgesucht. Dadurch wurden viele Häuser und Straßen, die die Bewohner mit mühevoller Arbeit aufgebaut hatten, wieder zerstört.

Speziell diese Regionen, wie auch Haiti, welche regelmäßig von solchen zerstörerischen Naturgewalten heimgesucht werden, brauchen unsere Hilfe. Mit meiner Tour und indem ich darüber blogge, möchte ich auf genau das aufmerksam machen. Selbst eine Kleinigkeit kann helfen, deshalb bitte ich jeden, die Menschen in ihrem unermüdlichen Durchhaltevermögen mit einer Spende zu unterstützen.

Die Vorbereitung

Die Vorbereitung gestaltet sich gar nicht so leicht wie ich mir das vorgestellt habe. Allein schon der Transport des Bikes gestaltet sich als schwierig, da es auf jedem Flug in einem speziellen Karton verpackt sein muss damit es von der Fluggesellschaft transportiert wird. Ganz ehrlich: Die sind da sehr speziell und pingelig. Also ich hoffe zumindest, dass das alles funktionert…

Die Hotels für diegroßen Städte sind auch schon gebucht, weil ich mir die Mühe ersparen will, am Abend nach 130km in den Beinen noch ein Hotel in einer 5 Mio. Metropole zu suchen. Könnte ich mir noch ziemlich schwierig vorstellen.

Natürlich bedarf es bei einem solchen Trip auch eine gewissenhafte Vorbereitung in konditioneller Hinsicht. Denn durch mein Studium kam der Radsport im letzten Jahr doch ziemlich kurz. So muss ich mir die nötigen konditionellen Grundlagen dementsprechend aneignen, damit die Tour für mich überhaupt schaffbar wird. Zum Glück konnten wir hier am Zürichsee doch auch schon den ein oder anderen frühlingsähnlichen Tag verzeichnen. So fällt das Training natürlich leichter. - Also ab auf den Drahtesel und Kilometer “schrubben”!

Euer Christian

Starte jetzt auch du deine persönliche Spendenaktion!

Stromausfall im ganzen Land

Santiago de Chile, 14. März 21:35 (lokale Zeit)

Sitzen hier in Santiago im Dunkeln – laut Radio Stromausfall im ganzen Land. Nur die Handys funktionieren. Einige Menschen stürmen auf die Straße, denn auch dem Erdbeben vor 2 Wochen war ein Stromausfall vorausgegangen. Aber Gott sei Dank bleibt ein starkes Nachbeben dieses Mal aus.
Ich höre gerade einen Nachbarn schimpfen: „Noch ein Beben und ich verlasse dieses Land.“ Währenddessen machen wir es uns bei Kerzenschein gemütlich und warten. Wahrscheinlich bis morgen…



“Geben sie es lieber meiner Nachbarin, sie hat zwei Kinder mehr”

Santiago de Chile, 11 März 21.57 (lokale Zeit)

Heute waren wir in Chèpica, einem Dorf, dessen Zentrum und Randgebiete zum großen Teil zerstört worden sind. Auf dem Weg dorthin wurden wir von einem erneuten Erdbeben überrascht, doch Gott sei Dank ist uns nichts passiert.

Die Menschen in Chépica sind äußerst dankbar für die Unterstützung, denn bisher hat in den Hütten außerhalb des Dorfes noch niemand Lebensmittel verteilt. Und wieder wurde ich Zeugin der unglaublichen Solidarität der Chilenen in diesen schwierigen Zeiten: einer Frau, deren Haus komplett eingestürzt ist, wollten wir ein Zelt überreichen, und sie meinte:„Geben sie es lieber meiner Nachbarin, sie hat zwei Kinder mehr“. Und trotz unserer Versicherung, dass wir genügend Zelte für alle hätten, lehnte sie das Angebot ab mit dem Hinweis, dass es bestimmt noch stärker betroffene Menschen gäbe…

Auf dem Rückweg nach Santiago kamen wir nur schleppend voran, da bei dem beben heute weitere Brücken beschädigt worden sind.

Falle jetzt müde ins Bett.


“Gemeinsam und mit der Hilfe Gottes bauen wir unser geliebtes Chile wieder auf”

Santiago de Chile, 10. März, 10:11 Uhr (lokale Zeit)

Ich habe heute den ehrenamtlichen Helfer Ricardo Torro Dowling kennengelernt. Die Begegnung hat mich sehr berührt: Er ist der Sohn eines chilenischen Generals, der zum Zeitpunkt des Erdbebens auf Haiti in Port-au-Prince stationiert war.

Seine Mutter ist beim Erdbeben dort ums Leben gekommen. Trotz seiner Trauer und der schmerzhaften Erinnerungen, die das Erdbeben hier in Chile in ihm hervorruft, ist er Tag und Nacht für die betroffenen Menschen in seinem Land im Einsatz.

Für mich ist er ein Held, dessen Unterstützung mich sehr bewegt – wie auch viel andere.

In den Medien in Deutschland hört man fast ausschließlich von Plünderungen und Diebstählen, die in Wirklichkeit nur einen Bruchteil der Realität wiedergeben. Von der Großzahl der Menschen, die trotz Hunger und Not das Wenige, was sie haben, mit denen teilen, die noch weniger haben, spricht niemand. Von der Kraft derer, die alles verloren haben und die dennoch ihren Optimismus und ihre Hoffnung nicht verlieren. „Gemeinsam und mit der Hilfe Gottes bauen wir unser geliebtes Chile wieder auf!“ hört man im ganzen Land.



Immer wieder überraschen mich die Lebensfreude und der Kampfgeist dieses Volkes

Santiago de Chile, 9. März, 23.18 Uhr (lokale Zeit)

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Immer wieder überraschen mich die Lebensfreude und der Kampfgeist dieses Volkes, das sich auch nach einem so schweren Schicksalsschlag nicht unterkriegen lässt. „Kraft, Chile!“ ist auf vielen Autos, Wänden und Plakaten geschrieben.

Jugendliche trampen in ihrer Freizeit Richtung Süden, um ihren betroffenen Landsleuten zu helfen. Hunderte Menschen machen sich mit ihren Autos voller Lebensmittel von der Hauptstadt aus auf den Weg zu den von Erdbeben und Tsunami betroffenen Dörfern.

Die Welle der Solidarität ist unglaublich und bestärkt diejenigen, die alles verloren haben: Familie, Haus, Einkommen …

Liege nun im Bett, kann nicht einschlafen, muss die ganze Zeit an ein Mädchen denken, das ihre ganze Familie verloren hat. Aus ihrem Dorf haben von 120 Einwohnern nur zehn überlebt…



Die Solidarität ist enorm

Santiago de Chile, 8. März, 22.13 Uhr (lokale Zeit)

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Nach 28 Stunden Reise bin ich endlich in Chile angekommen – mit drei Zwischenstopps und einem gecancelten Flug. Noch immer ist die Einreise schwierig. Der Flughafen ist zum Großteil gesperrt. Passkontrolle und Zollabfertigung finden in Zelten statt.

Im Zentrum Santiagos hingegen ist bereits wieder der Alltag eingekehrt – trotz der bisher schon über 150 Nachbeben seit der Katastrophe. An sehr vielen Fenstern hängt die chilenische Flagge - als Zeichen des nationalen Zusammenhalts. Und tatsächlich – die Solidarität unter den Menschen ist enorm … mehr dazu in den nächsten Tagen ausführlicher, wenn das Internet wieder besser funktioniert (ist mir heute schon 20 mal abgestürzt).

Ich bin froh, wieder hier zu sein und dem Land beizustehen, das mir selbst so viel geschenkt hat…

Fotos: www.malteser-helfen.de und www.malteser-international.de

Aktion Deutschland Hilft

Schock und Betroffenheit steht uns in Haiti ins Gesicht geschrieben, als die Nachricht aus Chile eintrifft: ein weiteres gnadenloses Erdbeben, stärker denn je. Und das so kurz nach dieser unglaublichen Katastrophe hier in und um Port-au-Prince. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es wirklich erst ein paar Wochen her ist - es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.

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Die Haitianer verstehen sehr genau, was die Menschen in Chile jetzt durchmachen. Die verzweifelte Suche nach vermissten geliebten Menschen… schlaflose Nächte auf der Straße, um nicht in einsturzgefährdeten Häusern zu schlafen… keine Verbindung zur Außenwelt… die Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird. Der Schrecken wird noch lange tief sitzen.

Und dann ist da auch noch dieser zusätzliche Schmerz, als die Menschen in Haiti von dem Beben in Chile hörten. Warum war das Ausmaß des Bebens hier in Haiti so viel schlimmer? Das Beben in Chile hatte eine Stärke von 8,8 – das ist etwa 50 Mal so stark wie das Beben, das Haiti erschütterte. Aber die Todeszahlen sind in Haiti bereits auf über 220.000 Menschen gestiegen – das kommt den unglaublichen Opferzahlen nahe, die der Tsunami im Indischen Ozean vor fünf Jahren hinterlassen hat. Chile hat nach neuesten Angaben etwa 700 Tote zu beklagen – ein tragischer Verlust, aber nicht zu vergleichen mit der Zahl der Toten in Haiti. Wie lässt sich das erklären?

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Die Antwort liegt zum Teil darin, dass es einfach ein unberechenbares Unglück war. Aber es ist vor allem auch mit der Armut Haitis verbunden. Während es in Chile strikte Bauvorgaben für Häuser gibt, leidet Haiti unter den vielen willkürlichen Bauten. Arme Menschen aus ländlichen Gebieten strömten seit Jahren in die Hauptstadt und lebten dort in unsicheren Barackenstädten. Fehlende Vorschriften, Korruption und eine schwache Regierung haben dazu geführt, dass das Ausmaß dieser Katastrophe so gewaltig war.

Mit Leichtigkeit lassen sich die Ausnahmen erkennen, die vielleicht auch die Regel hätten sein können, wenn es erdbebenresistente Bauvorschriften gegeben hätte: Ein paar wenige stabile Gebäude überragen die Trümmer – mit großen Schäden und Rissen natürlich, aber sie stehen noch.

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Die Nachrichtenmedien haben ihr Augenmerk jetzt auf Chile gelegt und Haiti gerät in den Hintergrund. Das werfe ich ihnen nicht vor – sie machen ihren Job. Aber ich befürchte, dass – wie schon so oft in der Vergangenheit – Haiti schnell aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden wird, sobald die Fernseher dieser Welt keine Schreckensbilder aus Port-au-Prince mehr zeigen. Umso wichtiger ist es, dass wir, die Hand in Hand mit den Haitianern arbeiten, ihnen langfristig zur Seite stehen. Nicht nur durch Unterstützung mit Hilfsgütern, sondern mit dem Ziel, Haiti sicher und zukunftsorientiert wieder aufzubauen. Wir können mit unserem Wissen helfen. Die Haitianer werden Tapferkeit und Zusammenhalt beisteuern.

(Gerade in diesem Moment gab es ein weiteres Nachbeben. Eine unsanfte Erinnerung daran, dass die Katastrophe in Haiti noch nicht vorüber ist, noch lange nicht.)

Aktion Deutschland Hilft

Er heißt David Schöpfer. Er ist 27Jahre alt und Intensivpfleger auf einer Kardiologischen Intensivstation der Freiburger Uni-Klinik. Vor einem Monat hat er eine Weiterbildung zum Anästhesie/Intensivpfleger angefangen.



13. Januar 2010, Freiburg: David hört morgens Radio – die Nachrichten laufen: Erdbeben in Haiti, 7.0 auf der Richterskala. „Das ist heftig!“, denkt er. Nach der Arbeit informiert er sich online über die aktuelle Lage im Krisengebiet. Er ist erschüttert und will helfen. Auf der HELP-Webpage wird er fündig: Ein Ärzteteam wird zusammengestellt, es soll noch in der folgenden Woche ausfliegen.

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David ist schnell entschlossen, er ruft sofort im Bonner Büro von HELP – Hilfe zur Selbsthilfe an. Er will nach Haiti, er will helfen – sein Können einsetzen, um etwas zu bewegen. Es kommt ihm vor wie ein Wunder: Alles klappt. HELP braucht noch Unterstützung und sein Arbeitgeber gibt ihm frei. „Ohne die Bereitschaft meiner Kollegen in Freiburg, hätte das nie geklappt.“, sagt David. „Gut, dass ich mich so auf sie verlassen kann. Sie haben sofort begriffen, wie wichtig mir das ist.“

22. Januar 2010, Port au Prince: Es ist heiß, überall Staub und Müll auf den Straßen. Dann die ersten zerstörten Häuser – Trümmerhaufen. David wird übel. Dabei war er noch nicht einmal im Krankenhaus. „Ob ich mir zu viel zugemutet habe.“, denkt er.


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23. Januar 2010, Hôpital St. Francois des Sales: Süßlicher Leichengeruch empfängt David. Dieser wird auch die nächsten Tage, sein ständiger Begleiter. Patienten liegen in Reihen im Hof des Krankenhauses. Das Gebäude selber ist zur Hälfte zerstört. Es wird im Freien operiert, an intensive Nachsorge gar nicht zu denken. Noch ist ein Team belgischer Unfallmediziner vor Ort, die die medizinische Leitung in fester Hand haben. Sie arbeiten nach dem Prinzip der Triage, akribisch. Jeden Tag werden so viele Patienten behandelt, wie sie eben können. Unsicherheit ist hier fehl am Platz. In Krisensituationen, zeigt sich, wer unter Stress Ruhe und Übersicht bewahren kann.


29. Januar 2010, Hôpital St. Francois des Sales:
„Die belgischen Unfallmediziner waren ein Geschenk Gottes. Insbesondere Gerd, dem Anästhesisten, verdanke ich unheimlich viel – ich habe sehr schnell alles von ihm gelernt, was man über Ketamin und seine Anwendung wissen muss.“, erzählt David.

Narkotisiert werden die Patienten ausschließlich mit Ketamin, ein Schmerzmittel und Kurznarkotikum. Geräte um die Stabilität des Patienten während der OP zu beobachten, gibt es nicht. David beugt sich über den Mund einer Patientin und kontrolliert, so ihre Atmung.

Er ist ruhiger geworden, reagiert mechanisch auf jede neue Herausforderung. Ich lese auch etwas wie inneren Frieden in seinem Gesicht: David ist seinem Anspruch, den Menschen in Haiti, zu helfen, gerecht geworden.

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