05.03.2010
Nicht schon wieder!

Schock und Betroffenheit steht uns in Haiti ins Gesicht geschrieben, als die Nachricht aus Chile eintrifft: ein weiteres gnadenloses Erdbeben, stärker denn je. Und das so kurz nach dieser unglaublichen Katastrophe hier in und um Port-au-Prince. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es wirklich erst ein paar Wochen her ist - es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.
Die Haitianer verstehen sehr genau, was die Menschen in Chile jetzt durchmachen. Die verzweifelte Suche nach vermissten geliebten Menschen… schlaflose Nächte auf der Straße, um nicht in einsturzgefährdeten Häusern zu schlafen… keine Verbindung zur Außenwelt… die Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird. Der Schrecken wird noch lange tief sitzen.Und dann ist da auch noch dieser zusätzliche Schmerz, als die Menschen in Haiti von dem Beben in Chile hörten. Warum war das Ausmaß des Bebens hier in Haiti so viel schlimmer? Das Beben in Chile hatte eine Stärke von 8,8 – das ist etwa 50 Mal so stark wie das Beben, das Haiti erschütterte. Aber die Todeszahlen sind in Haiti bereits auf über 220.000 Menschen gestiegen – das kommt den unglaublichen Opferzahlen nahe, die der Tsunami im Indischen Ozean vor fünf Jahren hinterlassen hat. Chile hat nach neuesten Angaben etwa 700 Tote zu beklagen – ein tragischer Verlust, aber nicht zu vergleichen mit der Zahl der Toten in Haiti. Wie lässt sich das erklären? Die Antwort liegt zum Teil darin, dass es einfach ein unberechenbares Unglück war. Aber es ist vor allem auch mit der Armut Haitis verbunden. Während es in Chile strikte Bauvorgaben für Häuser gibt, leidet Haiti unter den vielen willkürlichen Bauten. Arme Menschen aus ländlichen Gebieten strömten seit Jahren in die Hauptstadt und lebten dort in unsicheren Barackenstädten. Fehlende Vorschriften, Korruption und eine schwache Regierung haben dazu geführt, dass das Ausmaß dieser Katastrophe so gewaltig war.
Mit Leichtigkeit lassen sich die Ausnahmen erkennen, die vielleicht auch die Regel hätten sein können, wenn es erdbebenresistente Bauvorschriften gegeben hätte: Ein paar wenige stabile Gebäude überragen die Trümmer – mit großen Schäden und Rissen natürlich, aber sie stehen noch. Die Nachrichtenmedien haben ihr Augenmerk jetzt auf Chile gelegt und Haiti gerät in den Hintergrund. Das werfe ich ihnen nicht vor – sie machen ihren Job. Aber ich befürchte, dass – wie schon so oft in der Vergangenheit – Haiti schnell aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden wird, sobald die Fernseher dieser Welt keine Schreckensbilder aus Port-au-Prince mehr zeigen. Umso wichtiger ist es, dass wir, die Hand in Hand mit den Haitianern arbeiten, ihnen langfristig zur Seite stehen. Nicht nur durch Unterstützung mit Hilfsgütern, sondern mit dem Ziel, Haiti sicher und zukunftsorientiert wieder aufzubauen. Wir können mit unserem Wissen helfen. Die Haitianer werden Tapferkeit und Zusammenhalt beisteuern.
(Gerade in diesem Moment gab es ein weiteres Nachbeben. Eine unsanfte Erinnerung daran, dass die Katastrophe in Haiti noch nicht vorüber ist, noch lange nicht.)





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