Aktion Deutschland Hilft

Nicht schon wieder!

Schock und Betroffenheit steht uns in Haiti ins Gesicht geschrieben, als die Nachricht aus Chile eintrifft: ein weiteres gnadenloses Erdbeben, stärker denn je. Und das so kurz nach dieser unglaublichen Katastrophe hier in und um Port-au-Prince. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es wirklich erst ein paar Wochen her ist - es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.

3190-adh-dichato_trauer.jpg
Die Haitianer verstehen sehr genau, was die Menschen in Chile jetzt durchmachen. Die verzweifelte Suche nach vermissten geliebten Menschen… schlaflose Nächte auf der Straße, um nicht in einsturzgefährdeten Häusern zu schlafen… keine Verbindung zur Außenwelt… die Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird. Der Schrecken wird noch lange tief sitzen.

Und dann ist da auch noch dieser zusätzliche Schmerz, als die Menschen in Haiti von dem Beben in Chile hörten. Warum war das Ausmaß des Bebens hier in Haiti so viel schlimmer? Das Beben in Chile hatte eine Stärke von 8,8 – das ist etwa 50 Mal so stark wie das Beben, das Haiti erschütterte. Aber die Todeszahlen sind in Haiti bereits auf über 220.000 Menschen gestiegen – das kommt den unglaublichen Opferzahlen nahe, die der Tsunami im Indischen Ozean vor fünf Jahren hinterlassen hat. Chile hat nach neuesten Angaben etwa 700 Tote zu beklagen – ein tragischer Verlust, aber nicht zu vergleichen mit der Zahl der Toten in Haiti. Wie lässt sich das erklären?

3198-adh-zerstoerung_parral.jpg
Die Antwort liegt zum Teil darin, dass es einfach ein unberechenbares Unglück war. Aber es ist vor allem auch mit der Armut Haitis verbunden. Während es in Chile strikte Bauvorgaben für Häuser gibt, leidet Haiti unter den vielen willkürlichen Bauten. Arme Menschen aus ländlichen Gebieten strömten seit Jahren in die Hauptstadt und lebten dort in unsicheren Barackenstädten. Fehlende Vorschriften, Korruption und eine schwache Regierung haben dazu geführt, dass das Ausmaß dieser Katastrophe so gewaltig war.

Mit Leichtigkeit lassen sich die Ausnahmen erkennen, die vielleicht auch die Regel hätten sein können, wenn es erdbebenresistente Bauvorschriften gegeben hätte: Ein paar wenige stabile Gebäude überragen die Trümmer – mit großen Schäden und Rissen natürlich, aber sie stehen noch.

3143-adh-tf-port_au_prince-8235.jpg
Die Nachrichtenmedien haben ihr Augenmerk jetzt auf Chile gelegt und Haiti gerät in den Hintergrund. Das werfe ich ihnen nicht vor – sie machen ihren Job. Aber ich befürchte, dass – wie schon so oft in der Vergangenheit – Haiti schnell aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden wird, sobald die Fernseher dieser Welt keine Schreckensbilder aus Port-au-Prince mehr zeigen. Umso wichtiger ist es, dass wir, die Hand in Hand mit den Haitianern arbeiten, ihnen langfristig zur Seite stehen. Nicht nur durch Unterstützung mit Hilfsgütern, sondern mit dem Ziel, Haiti sicher und zukunftsorientiert wieder aufzubauen. Wir können mit unserem Wissen helfen. Die Haitianer werden Tapferkeit und Zusammenhalt beisteuern.

(Gerade in diesem Moment gab es ein weiteres Nachbeben. Eine unsanfte Erinnerung daran, dass die Katastrophe in Haiti noch nicht vorüber ist, noch lange nicht.)

Aktion Deutschland Hilft

David Schöpfer – Eine Nothelfer-Geschichte

Er heißt David Schöpfer. Er ist 27Jahre alt und Intensivpfleger auf einer Kardiologischen Intensivstation der Freiburger Uni-Klinik. Vor einem Monat hat er eine Weiterbildung zum Anästhesie/Intensivpfleger angefangen.



13. Januar 2010, Freiburg: David hört morgens Radio – die Nachrichten laufen: Erdbeben in Haiti, 7.0 auf der Richterskala. „Das ist heftig!“, denkt er. Nach der Arbeit informiert er sich online über die aktuelle Lage im Krisengebiet. Er ist erschüttert und will helfen. Auf der HELP-Webpage wird er fündig: Ein Ärzteteam wird zusammengestellt, es soll noch in der folgenden Woche ausfliegen.

tf-haiti-5562.jpg
David ist schnell entschlossen, er ruft sofort im Bonner Büro von HELP – Hilfe zur Selbsthilfe an. Er will nach Haiti, er will helfen – sein Können einsetzen, um etwas zu bewegen. Es kommt ihm vor wie ein Wunder: Alles klappt. HELP braucht noch Unterstützung und sein Arbeitgeber gibt ihm frei. „Ohne die Bereitschaft meiner Kollegen in Freiburg, hätte das nie geklappt.“, sagt David. „Gut, dass ich mich so auf sie verlassen kann. Sie haben sofort begriffen, wie wichtig mir das ist.“

22. Januar 2010, Port au Prince: Es ist heiß, überall Staub und Müll auf den Straßen. Dann die ersten zerstörten Häuser – Trümmerhaufen. David wird übel. Dabei war er noch nicht einmal im Krankenhaus. „Ob ich mir zu viel zugemutet habe.“, denkt er.


tf-haiti-5586.jpg
23. Januar 2010, Hôpital St. Francois des Sales: Süßlicher Leichengeruch empfängt David. Dieser wird auch die nächsten Tage, sein ständiger Begleiter. Patienten liegen in Reihen im Hof des Krankenhauses. Das Gebäude selber ist zur Hälfte zerstört. Es wird im Freien operiert, an intensive Nachsorge gar nicht zu denken. Noch ist ein Team belgischer Unfallmediziner vor Ort, die die medizinische Leitung in fester Hand haben. Sie arbeiten nach dem Prinzip der Triage, akribisch. Jeden Tag werden so viele Patienten behandelt, wie sie eben können. Unsicherheit ist hier fehl am Platz. In Krisensituationen, zeigt sich, wer unter Stress Ruhe und Übersicht bewahren kann.


29. Januar 2010, Hôpital St. Francois des Sales:
„Die belgischen Unfallmediziner waren ein Geschenk Gottes. Insbesondere Gerd, dem Anästhesisten, verdanke ich unheimlich viel – ich habe sehr schnell alles von ihm gelernt, was man über Ketamin und seine Anwendung wissen muss.“, erzählt David.

Narkotisiert werden die Patienten ausschließlich mit Ketamin, ein Schmerzmittel und Kurznarkotikum. Geräte um die Stabilität des Patienten während der OP zu beobachten, gibt es nicht. David beugt sich über den Mund einer Patientin und kontrolliert, so ihre Atmung.

Er ist ruhiger geworden, reagiert mechanisch auf jede neue Herausforderung. Ich lese auch etwas wie inneren Frieden in seinem Gesicht: David ist seinem Anspruch, den Menschen in Haiti, zu helfen, gerecht geworden.

Aktion Deutschland Hilft

Zum Glück ist jeder Tag eine Herausforderung…

Sven Seifert, arche noVa

Auszüge aus einer E-Mail von Sven Seifert (arche noVa) aus Haiti

“Heute ist es drei Wochen her, seit in Haiti die Erde bebte und ich in der Nacht vom Seismischen Frühwarnsystem eine SMS der Alarmstufe Rote erhielt. Was uns hier erwartete übertraf meine Befürchtungen und die Schwierigkeiten vor Ort brachten uns manchmal nahe an den Rand der Verzweiflung.

seifert_haiti_1.jpg
Drei Wochen sind kurz, aber mir kommen sie wie eine Ewigkeit vor. Eine gefühlte Ewigkeit, in der ich jeden Tag Stunden lang im Auto sitze um von A nach B zu kommen. Um mich herum nichts als Ruinen und campierende Menschen auf Strassen und Plätzen. Die Telefone funktionieren nur schlecht, was die Kommunikation schwierig macht und an den Nerven zehrt. Mein tägliches Brot: Koordinationsmeetings, die nur selten handfeste Informationen bringen, aber für eine Grundabstimmung zwischen den vielen Organisationen notwendig sind.

Trotz allem kann ich zufrieden sein mit dem, was wir in der kurzen Zeit mit wenig Geld geleistet haben. Vergleiche ich es mit den anderen weitaus größeren Organisationen, sieht unsere Zwischenbilanz gut aus. Einige Teams, die über wesentlich mehr Finanzen verfügen, tun teilweise abstruse Dinge, wie das Einfliegen von Trinkwasseranlagen ohne technischen Hintergrund und ohne Fachleute vor Ort, die diese aufbauen können. Dies bringt dann zum Stress auch noch Frust.

Zum Glück ist jeder Tag eine Herausforderung, und wenn ich manchmal ausgebrannt bin und nur noch nach Hause will, bringen sechs Stunden Schlaf wieder Kraft, am nächsten Tag weiterzumachen.

Haiti und die Weltgemeinschaft steht am Anfang einer großen Herausforderung, nicht nur das Land wiederaufzubauen, sondern den Menschen, die überlebten eine bessere Zukunft zu bringen. Auch dafür lohnt es sich, hier zu sein und Kraft zu finden.”

Foto und Video: Aktion Deutschland Hilft/Freccia

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti, Léogâne: Tagebuch eines Alptraums

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und hält seine Eindrücke fest.

20. Januar: Kein Strom mehr, Internet über Satellit funktioniert auch nicht mehr. Ich verbringe den Morgen im Haus der Rettungssanitäter und übertrage dort meine Fotos. Mit Falina. Sie ist etwa zehn Jahre alt, schwer behindert und aufgrund einer Darmkrankheit kurz vor dem Verhungern. Sie versucht, meine Zigaretten zu essen, aber ich kann sie gerade noch davon abhalten. Sie lacht. In diesem Haus sind 18 Menschen, darunter viele Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Falina hat eine gute Zeit. Die Rettungssanitäter haben sie in einem provisorischen Flüchtlingscamp gefunden, ihre Mutter konnte sich nicht um sie kümmern, also haben sie sie in ihre Obhut genommen.

Das ganze Sanitäterteam ist gerade draußen im Einsatz, nur Falina und ich sind hier. Sie wiegt vielleicht 30 Kilo, buchstäblich Haut und Knochen. Ich bin ihr bislang aus dem Weg gegangen – ihr Lächeln ist ansteckend, aber ich muss meiner Arbeit nachgehen. Keine Zeit, um mich ihrem Zauber hinzugeben. Aber ich bin der einzige hier, also verbringen Falina und ich etwas Zeit zusammen. Wir schneiden Grimassen. Dann löst mich eine obdachlose Frau ab, die hier wohnt. Ich fahre in die Stadt um einen Hungeraufstand festzuhalten.

21. Januar: Wir haben einen neuen Fahrer gefunden und haben den alten in den Wind geschossen. Im Privelege Hotel können wir nicht mehr bleiben, weil die Preise in die Höhe geschnellt sind und wir es uns nicht leisten können. Gregor schaut sich nach einer Bleibe um und wir schlafen auf dem Boden eines leerstehenden Hauses von bulgarischen Auswanderern. Gregor macht seine Sache wirklich gut, er ist geübt darin, weil er die letzten dreieinhalb Jahre in Afrika gearbeitet hat. Er versteht ziemlich viel von Logistik (Unterkunft, Fahrzeuge etc.) und koordiniert die Zusammenarbeit zwischen HELP und einem Team von französischen Rettungssanitätern, die in einem kleinen, überfüllten Krankenhaus in der Nähe von uns tätig sind.

25. Januar: Ich fotografiere, bearbeite die Bilder, lade sie hoch. So gut wie es eben geht. Ständig bin ich auf der Suche nach Strom und einem Platz, an dem ich mich ein paar Minuten hinsetzen kann. Mein Budget ist nicht groß, also ist das Holiday Inn mit seinen 1000 Dollar pro Nacht keine Option für mich. Die großen TV Sender haben die meisten Hotels in der Stadt ausgebucht.

 "We need help here!"
Mit arche noVa fahre ich nach Léogâne.
Die Gegend ist verwüstet. arche bringt Ärzte und eine dringend benötigte Wasseraufbereitungsanlage. Wir kämpfen uns durch den Verkehr und fahren in Richtung Küste. Vor dem Beben war Léogâne eine Art Badeort, jetzt sind sämtliche Gebäude eingestürzt; die Überlebenden sind verletzt und der Schock sitzt tief.

Another day in paradise.

Bilder: ©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und hält seine Eindrücke fest.

16. Januar 8 Uhr: Wir sind im „Privelege Hotel“. Gregor und Janina von HELP haben gestern Abend die Einheimischen Patrick und Casimir kennengelernt. Sie haben einen großen Ford Van und organisieren uns Zimmer im einzigen geöffneten Hotel in der Stadt. Wir machen uns auf den Weg, um uns ein Bild von der Situation in Port-au-Prince zu machen. Das machen wir in einem „Tap-Tap“, eines dieser bunt bemalten Pickup-Taxis.

Menschen schützen sich vor Verwesungsgeruch.
12 Uhr: Mittag in Port-au-Prince. Wir haben uns durch Cité Soleil, das Elendsviertel in Port-au-Prince, gekämpft und fahren jetzt in die Innenstadt. Es sieht aus, als hätte hier eine Atombombe eingeschlagen. Sämtliche Gebäude sind eingestürzt. Seit vier Tagen liegen tote Körper in der Hitze auf den Straßen.

Wir denken kurz nach. Essen, Wasser, Benzin und Strom sind knapp. Auf einem Hügel geht uns das Benzin unseres Vans aus. Durch einen Freund in New York lernen wir eine Gruppe von Auswanderern kennen. Sie haben sich zu einer kleinen Grassroot Hilfsorganisation zusammengefunden: Rescue Team Haiti. Sie bringen verletzte Kinder in ein provisorisches Krankenhaus. Wir begleiten sie.
Gregor, ausgebildeter Arzt, versteht sich auf Anhieb gut mit Gregoire, Rettungssanitäter von Pompiers d’Urgence International, und sie organisieren den Transport von dringend gebrauchten medizinischen Hilfsgütern für HELP, die Organisation für die Gregor im Einatz ist.

Die nächsten drei Tage sind ein Kampf ums Überleben im Chaos. Wir sind damit beschäftigt, Essen und Wasser aufzutreiben, irgendwo unterzukommen und Kontakt mit unseren Organisationen zu halten. Auf Strom kann man sich  nicht verlassen, kein facebook, kein Starbucks. Mein Job ist es, das alles festzuhalten und das mache ich. Inmitten von Aufständen hungriger Menschen, aufgedunsenen Körpern und Entsetzen.

Als ich mich durch die Stadt kämpfe, beobachte ich Gruppen bewaffneter Männer, die nach Geld suchen und sehe den toten Körper eines Babys in einem Trümmerhaufen. Ich fotografiere es, obwohl ich ganz genau weiß, dass wir dieses Foto nie verwenden werden. Für einen kurzen Moment denke ich an meine eigenen Kinder, dann schalte ich diesen Teil von mir wieder ab. Ich bin hier, um zu fotografieren. Das ist das Einzige, was ich kann.

Der Geruch von toten Körpern – ein Geruch, den man nie wieder vergisst – durchdringt die Luft: abscheulich süß. Um nicht erbrechen zu müssen, versuche ich, meinen Geruchssinn abzustellen. Ich höre Heulen, Entsetzen unter Menschen. Ich mache den Ton aus.

Mit dem Auto irgendwo hinzukommen, ist unmöglich – die Preise sind in die Höhe geschossen und Benzin wird immer knapper – ein Liter kostet 10USD. Sicherheit ist ein Problem, aber die meisten bewaffneten Gruppen plündern vor allem in der Innenstadt. Wir gehen ihnen aus dem Weg und schlagen uns mit vergleichsweise banalen Problemen herum, wie die tägliche Feilscherei mit unserem Dolmetscher und Fahrer darüber, wie viel Benzin wir am letzten Tag verbraucht haben.

Das Leben in Port-au-Prince ist ein wahrer Alptraum. Keine Zeit um innezuhalten oder um das Ganze irgendwie zu verarbeiten.

Wir fahren zum Krankenhaus, transportieren Verletzte und versuchen, mehr medizinische Hilfsgüter aufzutreiben. Gregor erwartet ein Ärzteteam, das heute aus der Dominikanischen Republik bei uns eintreffen soll. Es sieht so aus, als hätte er eine Unterkunft für sie gefunden. Jetzt muss er noch die Medical Kits ausfindig machen, die irgendwo sind, oder auch nicht. Ich werde am Montag noch die Ankunft eines Hilfsfliegers fotografieren, versuche über Europa die genaue Zeit herauszufinden.

©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti: Tagebuch eines Alptraums

Tim Freccia ist für uns als Fotograf in Haiti und dokumentiert seine Eindrücke.

Am 23. Dezember bin ich in Potsdam angekommen – also eigentlich in Babelsberg, habe es gerade noch zum 11. Geburtstag meiner Tochter geschafft. Seitdem habe ich nur noch gegessen, getrunken und geschlafen. Ich bin gerade nach einem zweiwöchigen Trip aus Mogadishu zurückgekommen, um den Weihnachtsmann zu treffen, den Zauber in den Augen meiner Kinder zu sehen und wieder etwas Zeit mit meiner Frau zu verbringen, die so tapfer durchhält während ihr Mann unterwegs ist und eine Familie zusammenhält, bei der in der Regel einer fehlt.

Tim Freccia am Flughafen
Dieses Jahr sind wir etwas knapp bei Kasse – meine Kinder bekommen zu Weihnachten weniger als in den Jahren zuvor. Ein iPod für meine Tochter und eine Kamera für meinen Sohn. Mein Sohn ist sieben – in seinen Augen kann ich den Stolz sehen, als er sein Geschenk auspackt. Er sagt mir, dass er Fotojournalist werden möchte, wenn er groß ist. Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, dass mir die Bilder von toten Menschen nicht aus dem Kopf gehen.

13. Januar: Ich habe schon ziemlich lange frei. Mein Leidensgenosse und Fotokamerad Dominic sagt: „Ich zähle die Tage, der Countdown läuft…“ Nächste Woche muss ich auch wieder nach Mogadishu. An diesen Gedanken versuche ich mich langsam zu gewöhnen.

6.30 Uhr: Ich kann nicht schlafen. Seit Tagen schon. Seit Jahren.

Dominic schreibt mir über Skype: „Hey, wie komm ich nach Haiti?“ Ich frage ihn: „Was willst du in Haiti?“ Darauf er: „Guck ins Internet!“

Am Flughafen
14. Januar: Tegel, Orly, Santo Domingo. Eine einzige Ansammlung verschiedenster Hilfsorganisationen. Westen mit Logos, Männer mit Dreitagebart in Cargohosen und Frauen mit Zöpfen und großen Halstüchern. Je größer das Tuch, umso länger werden sie wohl im Feld bleiben. Wir nicken uns zu; alle fliegen wir in dieselbe Richtung.

Santo Domingo, 14. Januar, 22 Uhr: Ich sollte mir ein Zimmer im Clarion Hotel nehmen. Nichts mehr frei. Der Hotelier ruft einen Freund an und ich lande in einer anderen Absteige. Gut genug – ich bin jetzt müde.

Ich bekomme drei Stunden Schlaf, meine Kollegen von Aktion Deutschland Hilft kommen um 1 Uhr an. Wir lernen uns kurz kennen, dann legen wir uns nochmal für vier Stunden hin. Wir sind jetzt auf Notfall getaktet.

Verwüstete Straßen
15. Januar, 16 Uhr: Wir fahren von Santo Domingo zur haitianischen Grenze. Die Dominikanische Republik ist ganz nett. Ein Urlaubslandland in der Karibik. Hier und da hängt noch Weihnachtsdeko herum. An der Grenze sehen wir Flüchtlinge. Das Rote Kreuz ist darum bemüht, sie nach Santo Domingo zu bringen. Noch ist alles gut organisiert und als es langsam dunkel wird, überreden wir unseren Fahrer, mit uns über die Grenze zu fahren.

Als wir uns Port-au-Prince nähern, sehen wir die ersten Zeichen einer wirklichen Katastrophe: Eingestürzte Häuser, Menschen mit ihren letzten Habseligkeiten, die in Staub und Dunst verschwinden. Der Schock ist jedem ins Gesicht geschrieben. In der Stadt herrscht ein einziges Chaos. Der Verkehr staut sich; jeder möchte an die letzten Benzinreste kommen. Wir fahren in Richtung Flughafen, es wird langsam dunkel. Rettungsteams strömen ein und wir stellen die BGAN neben einer Gruppe russischer Feuerwehrmänner auf, um zu Hause anzurufen. Gregor findet einen Dolmetscher und wir fahren ins Hotel und nehmen uns eines der wenigen übrigen Zimmer.

Bilder: ©Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Aktion Deutschland Hilft

Haiti: Herausforderung Kommunikation

Tim Freccia ist seit 10 Tagen für uns als Fotograf in Haiti. In Auszügen aus einer E-Mail an das Aktionsbüro wird deutlich, was die Tage im Katastrophengebiet für ihn bedeuten.

Liebes Aktionsbüro,

damit ihr euch vorstellen könnt, wie es hier vor Ort aussieht, ein kurzes Update von mir. Sehr schwierig. Das Kommunikationsnetz ist zusammengebrochen, die einzige Möglichkeit, mit jemandem zu reden, ist über Satellitentelefon; das BGAN Netz ist auch total überlastet. Ich habe fast den ganzen Tag versucht, arche noVa zu erreichen, um mit ihnen den morgigen Trip ins Feld zu besprechen. Sie sind nicht online. À propos online: Material hier rauszubekommen, ist die Hölle. Ich habe wieder fast 24 Stunden gebraucht, um euch das Video und die Fotos von gestern zu schicken.

Orangenschalen gegen Verwesungsgeruch

Dazu kommt noch der tägliche Kampf ums Überleben: Essen auftreiben, an Wasser, Benzin, Strom, Transportmittel etc kommen. Ich bin quasi gleichzeitig als Fotograf, Logistiker, Überlebenskünstler und Nothelfer unterwegs.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass es ein Alptraum ist, hier vor Ort an Informationen zu kommen. Ich schlage vor, dass ihr euch noch mal mit jeder Mitgliedsorganisation in Haiti in Verbindung setzt und ihnen meine neuen Kontaktdaten gebt (insbesondere Skype, das funktioniert halbwegs). Sie sollen mich mit ihren Aktivitäten ständig auf dem Laufenden halten. Informiert mich weiterhin so oft und so gut wie ihr könnt, damit wir das meiste rausholen können! Sodass die Menschen in Deutschland sehen, wie viel Leid hier noch herrscht und wie unsere Organisationen helfen.

Ich schicke euch Videos und Fotos, wie es die Umstände erlauben, ich gebe mein Bestes und hoffe, dass ihr es gut verwenden könnt.

Liebe Grüße,

Tim

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti - Die Rückkehr

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

2010-01-25-erdbeben-haiti-abreise-01.jpg

Ich wusste genau, dass ich ein schlechtes Gewissen haben würde!Und ich habe ein schlechtes Gewissen. Meine Tochter sagt, dass sie sich freut, dass ich nach Hause komme. Aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Dabei habe ich zwei LKWs beladen, Stories geschrieben, versucht zu vermitteln wie die Haitianer mit dem Schock eines Jahrhundertbebens umgehen, wie die Hoffnung nicht totzukriegen ist. Es ist sehr schwer zu erklären warum mir das Land in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen. Vielleicht ist es die afrikanische Seite Haitis die mich so umgarnt und einfängt, vielleicht der Lebenswille und Lebenshunger der Menschen.

Im Stau auf dem Weg zum Flughafen winkt mir ein kleines Mädchen von einer Mauer zu. Ich lächle und winke zurück. Sie lächelt zurück - ich habe ein schlechtes Gewissen diese Menschen zurückzulassen.

Aktion Deutschland Hilft

Immer mehr Hilfe kommt in die Stadt

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

2010-01-22-erdbeben-haiti-04.jpg

Manchmal merkt man erst spät, wie tief die Angst in einem steckt. Bei den beiden kleinen Nachbeben heute rannte ich mal nicht, musste mich aber draußen hinsetzen weil mir schwindelig wurde. Hmm, warum wird einem vom Gehen schwindelig? Wahrscheinlich hab ich mir den Angstschock nach dem schweren Stoss gestern einfach nicht eingestanden - Nicht gut! Man sollte ja seine Angst leben…. wenn man die Zeit hat. Zeit ist definitiv etwas, von dem es hier scheinbar nie genug gibt.

Auf dem Weg durch die Stadt treffe ich ein mobiles Erste-Hilfe-Team einer österreichischen Hilfsorganisation. Eine Ärztin, mit Pfleger und Träger. Sie gehen in das Stadtviertel. um jedem medizinischen Unterstützung anzubieten. Einige der Aktion Deutschland Hilft Bündnispartner wie die Malteser planen auch diese mobilen Teams einzurichten, die aktiv in die Lager gehen um ihre Hilfe anzubieten und so die völlig überfüllten Krankenhäuser und Kliniken zu unterstützen. Auf dem Flughafen fuhren wir zufällig bei den Johannitern vorbei und hielten an. Neue Teammitglieder kommen rein und immer mehr Hilfe kommt in die Stadt. Morgen wird das Belgische Feldlazarett von ihnen unterstützt. Aktion Deutschland Hilft - Gemeinsam schneller helfen!

Aktion Deutschland Hilft

Erdbeben Haiti - Raus hier!

Marwin Meier, Aktion Deutschland Hilft

erdbeben-haiti-mmeier.jpg

Ich habe ALLES falsch gemacht! Früh um sechs wollte ich schon mal ein paar Bilder bearbeiten und saß auf der Decke, auf der ich auch geschlafen habe. Plötzlich schreit mein Zimmerkollege Lon “Oh Shit” und die Erde fängt an zu schwimmen. Ich springe auf, rufe “Raus hier” und während wir durch den dunklen, unbeleuchteten Gang rennen, schreien wir beide laut: “Out, Out, Out”, um die Kollegen aus dem Haus zu scheuchen. Dann stehen etwa zehn World Vision-Kollegen und ich auf dem Hof. Stacey humpelt. Sie hat sich auf dem Weg nach draußen den Knöchel verstaucht. Wie gesagt, ich habe ALLES falsch gemacht. Erste Regel bei Erdbeben: Keine Panik! Hmm, Panik beschreibt meinen Gefühlszustand ausgezeichnet! Zweite Regel: Nicht rennen, ruhig und besonnen nach draußen gehen. Ähem, ich war schneller als der Wind…

Mein Kollege Rich ist erst gar nicht nach draußen gekommen. Er versuchte rauszufinden, wie stark das Beben war. Er sagt, als Kalifornier ist er so etwas gewöhnt. Wir starren ihn alle an und ich meine, dass ich nicht nach Kalifornien ziehen würde, wenn die Bauaufsicht der hiesigen gleicht. Wir kühlen Staceys Knöchel und unsere Angst entlädt sich in Witzen. Dann machen wir uns um die Menschen Sorgen, die wieder in ihre Häuser gegangen sind. Menschen hatten Angst vor Plünderung und wollten wenigstens in der Nähe ihres Besitzes bleiben. 6,1 zeigt die Richterskala bei diesem Nachbeben an. Als ich später in die Stadt fahre, sind die Menschen erstaunlich ruhig. Bei den meisten verebbte die Panik schnell und bis mittags gibt es keine Berichte von vielen Toten. Die Haitianer sind ein leidensfähiges Volk. Sie wollen sich den Weg zur Normalität nicht durch ein Nachbeben verstellen lassen. Ich mag die Haitianer sehr!

Bei einer Besprechung der deutschen Hilfsorganisationen erzählt der Arzt der Malteser, dass es an Medikamenten mangelt. Er schätzt, dass die Hälfte der Verletzten mit offenen Frakturen wegen der notdürftigen Versorgung, der Hitze und der unzureichenden Nachsorge in Lebensgefahr sind. Wir brauchen DRINGEND mehr medizinische Versorgung hier!

Nächste Einträge »